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Mit Sicherheit Ein Leben mit dem Hochwasser im Norden
Thema S Mit Sicherheit Ein Leben mit dem Hochwasser im Norden
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07:41 07.11.2018
Dieter Hemann wohnt schon sein ganzes Leben an der Trave. Er kennt das Risiko und will trotzdem nicht weg. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck/Kiel

Es ist ruhig an der Obertrave in Lübeck. Blumenkübel und Bänke stehen auf dem Fußweg. Dieter Hemann schätzt diese Idylle, seit seiner Kindheit lebt er hier. Zwischen Harten- und Effengrube gilt er als „Kind der Obertrave“. Oft hat Hemann miterlebt, wie der Fluss bis an sein Elternhaus schwappte. „Als ich noch ein Kind war, haben wir nur die Möbel hochgestellt und das Wasser einfach so hereinlaufen lassen“, erklärt Hemann. „Wenn es wieder weg war, haben wir gefeudelt und weiter gemacht.“

Immer wieder wird die Region von Hochwasser getroffen. Ursache ist meistens starker Ostwind, der das Wasser an die Küste drückt.

Eigentlich stört ihn das Hochwasser nicht. Doch 1995 traf es die Hemanns besonders stark: Die Wassermassen drückten das Grundwasser hoch, so dass kleine Wasserfontänen in der Diele sprudelten. Die Stromverteiler wurden nass, zwölf Stunden hatte das Viertel keinen Strom. Dieter Hemann und seine Frau Heidelinde mussten mit Eimern das Wasser aus ihrem Ablauf-Becken schöpfen. „Da wären wir fast abgesoffen“, sagt der Lübecker.

Lübeck leidet unter dem Badewannen-Effekt

Das Wasser steigt in Lübeck schnell über die Ufer, wenn die Ostsee durch starken Westwind Richtung Skandinavien gepustet wird und dann ein starker Ostwind die Wassermassen zurück in die Trave drückt – der Badewannen-Effekt, sagt Jessica Buch vom Bereich Umwelt, Natur und Verbraucherschutz. „Im Moment wird ein Konzept zur Anpassung an den Klimawandel erstellt.“ Darin wird untersucht, wie Lübeck sich bei extremen Wetterlagen wie Hochwasser oder Starkregen schützen kann. Laut Wetterexperten sollen diese in den nächsten Jahren zunehmen. „Wir prüfen zudem alle Bauanträge, die in Risikogebieten liegen“, sagt Buch. So sollten Wohnräume 3,50 Meter über Normalhöhennull liegen. Das Haus der Hemanns ist mehrere Jahrhunderte alt. Damals galten diese Vorschriften noch nicht: Ihr Hauseingang liegt nur bei 1,20 Meter über Normalhöhennull.

Weiterlesen:
Wetterexperte im Interview: „Wir sind mitten im Klimawandel“

Für den Hochwasserschutz ist heute per Gesetz jeder Besitzer selbst verantwortlich, sagt Buch. „Wichtig ist, dass der Abfluss des Hochwassers dabei nicht behindert wird.“ Auch Spundwände an der Trave waren im Gespräch. Diese sind abgelehnt worden, da es keine Ausweichflächen gebe, auf die das Hochwasser abfließen könnte.

Küstengebiete sind besonders bedroht

Auch das Umweltministerium Schleswig-Holstein hat die Klimaveränderungen im Blick. „Wenn wir von einem Wasserspiegel von fünf Metern über Normalhöhennull ausgehen, würden 25 Prozent des Landes ohne Deiche unter diesem Niveau liegen“, erklärt Dr. Johannes Oelerich, Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft, Meeres- und Küstenschutz. 350 000 Menschen wären davon betroffen.

Um diesem Szenario entgegenzuwirken, hat das Land mit baulichen und gesetzlichen Maßnahmen reagiert. „In Scharbeutz ist es uns zum Beispiel gelungen, den Schutz in die Dünen zu integrieren“, erklärt Oelerich. Für das Auge verborgen liegen dort Spundwände und Wellenabweiser unter dem Sand und sollen den Ort vor Sturmfluten und Hochwasser schützen.

Das Umweltministerium in Kiel geht derzeit für die Bemessung der Bauwerke von einem Meeresanstieg von etwa 50 Zentimetern in den nächsten 100 Jahren aus – bei Hochwassern von drei Metern. Sollte „es richtig dicke kommen“ können die Deiche im Norden noch mit einer Kappe verstärkt werden, sagt Oelerich. So seien sie sogar für Hochwasser von bis zu vier Metern gewappnet. „Ich traue den Maßnahmen zu, uns die kommenden 100 Jahre zu schützen.“ Damit die negativen Folgen möglichst gering ausfallen, sollte nun in den Klimaschutz investiert werden. „Das erspart uns später die Kosten für den Hochwasserschutz“, sagt Oelerich.

Die Nachbarschaft an der Obertrave hält zusammen

Dieter und Heidelinde Hemann sind sich der Gefahr bewusst. „Im Schnitt kann man sagen, dass das Wasser höher steigt“, sagt Heidelinde Hemann. Doch Wegziehen käme für sie nicht in Frage. Die Nachbarschaft an der Obertrave hält zusammen und hilft sich gegenseitig. „Was einen hält, sind die Nachbarn“, sagt Dieter Hemann. „Und irgendwie auch die Trave.“

Karte informiert über Risikogebiete

Auf Hochwasserrisikokarten kann nachgelesen werden, wo die Gefahr groß ist: Beispielsweise wird es in der Aalbek-Niederung von Niendorf/Ostsee, rund um den Hemmelsdorfer See, am Neustädter Binnengewässer, in und um Heiligenhafen und an fast allen Küsten Fehmarns schnell brenzlig. Die Karte ist im Internet zu finden unter: http://zebis.landsh.de/webauswertung

Saskia Hassink

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