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St. Gertrud „Irgendwo müssen die Menschen ja hin“
Thema S St. Gertrud „Irgendwo müssen die Menschen ja hin“
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21:24 15.10.2015
In dem Camp an der Travemünder Allee leben 1000 Schutzsuchende in Wohncontainern. Die Einrichtung betreibt das DRK. Quelle: Fotos: Künzel (3), Roeßler

In der Gartenstadt Rothebek formiert sich Widerstand gegen die geplante Erstaufnahmereinrichtung des Landes (LN berichteten). Viele Bürger äußern angesichts der Unterbringung von mindestens 600 Flüchtlingen Sorgen. Über 1000 Flüchtlinge leben bereits in einem Erstaufnahme-Camp an der Travemünder Allee. Die Container stehen dort seit einem Monat, die LN haben Bewohner, Vereine, Kirchenmitglieder und Polizei nach Erfahrungen und der Stimmung rund um das Lager gefragt.

Ute Richter (62) geht über den Volksfestplatz. Sie zieht ihren Einkaufstrolley an hohen Metallzäunen vorbei, bis zu ihrem Haus. „Von unserem Schlafzimmerfenster kann ich direkt auf die Container schauen.“ Während neue Kunststoffheime anrollen und Menschen kommen und gehen, sagt sie mit einem Schulterzucken: „Für mich ist es ruhig hier, und irgendwo müssen die Menschen ja hin.“ Außerdem sei ihr Mann auch Flüchtling gewesen, und sie habe schon Spenden hinübergebracht.

Ein paar Meter weiter steht Thomas Gieht auf dem Gelände des Kleingartenvereins Grüner Weg. Haupteingang und Büro liegen an der Straße Am Waldsaum. Sie ist der Hauptfußweg vom Camp in Richtung City.

„Anfangs hatten wir Sorge, wie das wohl wird“, erinnert sich der Vorsitzende. „Man weiß ja nicht, wer da so kommt.“ In Gesprächen mit den Mitgliedern habe man überlegt, die Tore zu schließen, sich aber dagegen entschieden. „Wir sind ein Naherholungsgebiet, und jeder hat das Recht, hier spazieren zu gehen.“ Später haben die Gärtner sogar Obst und Gemüse auf den Platz gebracht. „Leider können dort keine Lebensmittel angenommen werden.“ Laut Gieht gehören zum Verein Menschen aus elf Ländern. „Wir könnten noch ein paar Nationalitäten mehr aufnehmen“, sagt der Vorsitzende lächelnd, während Alan Markley (83) zu seiner Parzelle radelt. „Die Flüchtlinge sind immer freundlich“, meint der gebürtige Engländer, „mich hat eine Familie schon gebeten, ob sie mir nicht im Garten helfen dürften.“

Nicht für Geld, nur gegen die Langeweile. Denn ihre Asylanträge können die Schutzsuchenden erst im Frühjahr stellen. Unmut gibt es im Verein aber hinsichtlich des Informationsflusses. „Wir warten seit Wochen auf einen Ansprechpartner beim Land.“

In der Nähe des Camps wohnt auch Bernd Rüdiger Ehlert (66). „Ich bin Sozialwissenschaftler und beobachte die Situation natürlich“, sagt er auf dem Nachhauseweg. „Ich bin richtig überrascht, wie freundlich und wohlwollend die Stimmung ist: In den Medien hört man ja viel Schlechtes.“ Allerdings kam er auch jüngst mit jungen Schutzsuchenden ins Gespräch, die über große Langeweile klagten. „Da lassen sich Konflikte erahnen.“ Laut Polizei gibt es seit Einrichtung des Camps keine vermehrten Vorfälle im Viertel. „Die Sicherheitslage ist ruhig“, teilt die Pressestelle mit. Im Detail wurden seit Bestehen der Unterkunft sieben Anzeigen aufgenommen, darunter eine Ordnungswidrigkeit „Ruhestörender Lärm“. Unter den Anwohnern beobachtet die Polizei ein „freundliches Entgegenkommen“. Während einer Elternversammlung im nahegelegenen Kindergarten hätten die Anwesenden betont, dass sie nicht gegen die Einrichtung seien, aber ein Informationsbedürfnis hätten. Uta Mews (38) bestätigt das. „Anfangs habe ich mir Sorgen gemacht“, sagt die Mutter, „aber die Flüchtlinge sind total froh und freundlich, wenn Kinder am Zaun stehen und winken.“

Ein Stück die Straße hinauf, am Heiligen-Geist-Kamp, befindet sich die Pfarrei Heilig-Geist. Hier bietet Gertrud Merker (59) ein Begegnungscafé für Flüchtlinge an. Unterstützt wird sie von etwa 20 Freiwilligen aus dem Viertel und freut sich über die Hilfsbereitschaft. Weitere Ehrenamtler sind willkommen (donnerstags, 16 Uhr, Infos: bongers.merker@gmail.de). „Manche Leute haben Berührungsängste“, sagt Merker, „aber wenn sie die überwinden, entwickeln sich schöne Begegnungen.“

Cosima Künzel

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