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Studieren in Lübeck Grenzen überwinden: Früherer Flüchtling trifft Bundespolizisten
Thema S Studieren in Lübeck Grenzen überwinden: Früherer Flüchtling trifft Bundespolizisten
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00:00 18.04.2012
Zekarias Kebraeb, der in Fürth lebt, präsentierte sich vor seiner Lesung inmitten der Bundespolizei-Studierenden entspannt.
Lübeck

Als er 2004 im Zug von Hamburg nach Kopenhagen saß, wäre er froh gewesen, ihnen nicht zu begegnen. Jetzt jedoch hat er ihre Nähe gesucht. Rund 400 Bundespolizisten sitzen ihm in der Sporthalle der Bundespolizeiakademie gegenüber. Zekarias Kebraeb möchte ihnen von seinem Leben erzählen; er wird aus Kapiteln seines Buch mit dem Titel „Hoffnung im Herzen, Freiheit im Sinn“ vorlesen. Es handelt von der vierjährigen Flucht von Eritrea nach Deutschland. „Eigentlich wollte ich nur auf dem schnellsten Weg nach Schweden“, erzählt er von der letzten Etappe seiner Reise in die Freiheit, „Deutschland wollte ich von Belgien kommend nur kurz queren. Ich hatte zu viel Schlechtes über die deutsche Geschichte in der Schule gehört.“

Doch im Zug kurz hinter Lübeck erfolgt dann der Zugriff der Ordnungshüter. Der damals 18-Jährige wird in der Hansestadt inhaftiert. Folge: drei Monate Abschiebehaft. Dass er nun, nach vielen Monaten auf der Flucht und in Lebensgefahr, im ersehnten Europa wie ein Krimineller behandelt wird, lässt den Afrikaner noch einmal seine gesamte Willenskraft zusammennehmen. Trotz der vorangegangenen Entbehrungen beginnt er einen Hungerstreik – und wird tatsächlich nach zweieinhalb Wochen freigelassen. Über Eutin führt sein weiterer Weg nach Bayern, wo er schließlich erfahren wird, dass er in Deutschland bleiben kann. „Da ich von den Beamten in Lübeck so respektvoll behandelt wurde, komme ich gerne hierher“, betont er.

Vermittelt hat den Besuch die Deutschlandstiftung Integration, deren Vorstandssprecher Wolfgang Fürstner ist. „Zekarias ist unser erster Stipendiat, und bei einem Gespräch in Berlin mit dem Vizepräsidenten beim Bundespolizeipräsidium, Dr. Michael Frehse, haben wir diese Idee geboren“, erläutert Fürstner. Wie wichtig so eine Information aus erster Hand sei, betont Dozent Prof. Erhard Huzel: „Diese Lesung soll den Studierenden vermitteln, wie sich Studieninhalte in der späteren praktischen Polizeiarbeit wiederfinden. Der Respekt vor der Person muss als Richtschnur für das polizeiliche Handeln dienen.“

Kebraebs Geschichte beginnt 2002. Der damals 17-Jährige hat gerade sein Abitur bestanden, macht Musik und veröffentlicht in einer Jugendzeitschrift in der Hauptstadt Asmara selbst verfasste Liebesgeschichten. Doch der aufflammende Krieg mit Äthiopien verändert alles: Repressionen allerorten; junge Männer werden zum Militärdienst gezwungen. Er sieht für sich nur eine Alternative: die Flucht durch die Wüste und übers Meer. Dass er diese überhaupt überlebt hat, ist ein Wunder.

„Das ist tief bewegend, wenn so ein Schicksal ein Gesicht bekommt“, erklärt Stefanie Wildschütz , die im zweiten Studienjahr bei der Bundespolizei ist. Ein angehender Polizeikommissar kennt die Begegnungen mit Flüchtlingen aus eigener Erfahrung. „Ich war im Praktikum an der dänischen Grenze in Flensburg im Einsatz. Da gab es auch Momente, bei denen man innerlich sehr berührt, aber natürlich dem Recht verpflichtet war.“ Kommilitone Matthias Krauß betont: „Ich nehme viel mit von diesem Abend.“

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