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Studieren in Lübeck Lernst Du noch, oder dopst Du schon?
Thema S Studieren in Lübeck Lernst Du noch, oder dopst Du schon?
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21:31 27.06.2017
Gerade vor Prüfungen haben viele Studierende das Gefühl, in Lernstoff förmlich zu ertrinken. Deshalb greifen einige zu leistungssteigernden Mitteln (hier eine nachgestellte Szene). Quelle: Foto: Thomas Kötter/hfr
Lübeck

Das Sommersemester geht auf die Zielgerade, und damit erhöht sich die Frequenz der Klausuren und Prüfungen für die Studierenden. „Gerade in so einer Stressphase wird zu vermeintlich leistungssteigernden Mitteln gegriffen“, weiß Dr. Thomas Kötter. Der Allgemeinmediziner leitet die Arbeitsgruppe Studierendengesundheit am Lübecker Uni-Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, die bereits seit sechs Jahren mittels einer eigenen Langzeituntersuchung den hiesigen Campus im Blick hat.

In welcher Häufigkeit Lübecker Uni-Studentinnen und -Studenten aber „geistiges Doping“ betreiben, war bisher unbekannt. Jetzt jedoch hat sich Eva Clausen in ihrer Doktorarbeit diesem wichtigen Thema gewidmet. „Eins vorab – so schlimm, wie es hier gerüchtemäßig manchmal im Umlauf ist, ist es bei Weitem nicht“, beruhigt die Promovendin, „allerdings ist es ein relevantes Thema.“ Und sie ergänzt:

„Die Selbstverständlichkeit bei vielen, mit der nachts Unmengen von Kaffee konsumiert oder Koffeintabletten eingeworfen werden, weil eine intensive Lernphase ansteht, hat mich schon erschreckt.“

Ihre Studie mit der Befragung von knapp 1300 Studenten hat ergeben, dass hochgerechnet auf die Gesamtzahl durch alle Studiengänge über 40 junge Leute regelmäßig zu verschreibungspflichtigen Substanzen greifen. Ein Beispiel dafür: Ritalin, das normalerweise gegen Narkolepsie oder zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit- oder Hyperaktivitäts-Störung eingesetzt wird. „Dabei ist eine Verbesserung höherer kognitiver Funktionen bisher nicht eindeutig belegt, wohl aber das Risiko für zum Teil schwere Nebenwirkungen“, merkt Kötter an.

Und wenn es um Cannabis geht, also eine illegale Droge, liegt die Zahl noch wesentlich höher: „Jeder zehnte Mann und jede 20. Frau hat angegeben, schon mal gekifft zu haben – mit dem Zweck, nach intensivem Lernen besser abschalten zu können. In welcher Regelmäßigkeit konnten wir nicht erfassen“, so Eva Clausen. Dass dies ebenfalls Gesundheitsrisiken beinhalten könne, sei kein Geheimnis.

Zum Stichwort „Gehirn-Doping“ allgemein fasst die 28-jährige approbierte Ärztin zusammen: „Fast jeder zehnte Uni-Studierende in Lübeck betreibt mindestens einmal pro Woche sogenanntes Neuroenhancement – mit dem Ziel, die geistige Leistungsfähigkeit zu steigern oder diese schneller wiederherzustellen oder zur Stresskompensation.“ Um dies zu erreichen, kommen dann sowohl Genussmittel wie Kaffee oder freikäufliche Substanzen – wie unter anderem Koffeintabletten, Vitamindragees oder Ginkgo biloba Extrakt – als auch Verschreibungspflichtiges zum Einsatz. Dies sei in allen Studiengängen so.

Natürlich müsse zum Beispiel zwischen der Einnahme von Ecstasy und von Koffeintabletten unterschieden werden. „Das Alarmierende an dieser Praxis ist allerdings, dass beides eingenommen wird, um besser funktionieren zu können“, bemerkt Kötter. Denn daraus könne sich eine Gewohnheit entwickeln, die einen fortan auch im stressigen Berufsleben zu „Hilfsmitteln“ greifen lasse.

Außerdem hat die Untersuchung ebenfalls gezeigt, dass Konsumenten von Stimulanzien auch zu Beruhigungsmitteln greifen – mit dem Zweck, wieder abschalten zu können. „Wer sich diese Praxis zu eigen macht, bewegt sich auf ganz dünnem Eis und läuft Gefahr, in eine Eskalationsspirale zu geraten“, so Kötter. Deshalb werden die neuen Zahlen in die Erstsemester-Aufklärung einfließen.

Die tückische Leichtigkeit des Büffelns

Neuroenhancement meint, dass man sogenannte psychotrope Substanzen einnimmt, um Konzentration, Wachheit oder Gedächtnisleistungen zu erhöhen. Dabei ist laut Studienlage Koffein das am häufigsten verwendete Mittel zum Zweck des pharmakologischen Neuro-Enhancements. Das heißt: Kaffee, koffeinhaltige Energy Drinks und Koffeintabletten.

Dr. Thomas Kötter warnt vor dem „Gateway-Effekt“, der aus dem Sport-Doping bekannt sei. Das heißt: Der Gebrauch von leichten „Hilfsmitteln“ ist oft der Einstieg zum Gebrauch von „harten Substanzen“.

Die Gesundheitsrisiken steigen entsprechend – „das Ganze kann dann in massiver Abhängigkeit enden“, warnt der Lübecker Uni-Forscher.

Michael Hollinde

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