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Studieren in Lübeck Nach nur 18 Monaten fit fürs Studium
Thema S Studieren in Lübeck Nach nur 18 Monaten fit fürs Studium
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10:44 10.01.2018
Mittlerweile gehört der Gang in den FH-Seminarraum für sie zum Alltag: Rowan Kharnoub (l.) und Feras Abbas. Quelle: Foto: Felix König

Sie haben es geschafft und inzwischen mehr als die Hälfte des aktuellen Wintersemesters an der Fachhochschule Lübeck hinter sich gebracht. „Es macht wirklich Spaß, und wir sind für diese Chance sehr dankbar!“, sind sich Rowan Kharnoub und Feras Abbas einig. Denn denken die beiden Studierenden aus Syrien nur an ihre persönliche Situation von vor zwei Jahren zurück, werden sie extrem nachdenklich.

Da waren die 23-Jährige und der 24-Jährige nach ihrer Flucht gerade in Deutschland angekommen. „Kein Aufenthaltsstatus, keine Sprachkenntnisse, keine greifbare Perspektive“, fasst es FH-Erstsemester Feras Abbas, der Bauingenieurwesen studiert, zusammen.

Den Sprung in die berufliche Zukunft haben sie dank des sogenannten Linkplus-Programmes geschafft. In dem anderthalbjährigen Crashkursus wurden sie sprachlich fit gemacht und fachlich mit Technikunterricht in Maschinenbau, Elektrotechnik, Informatik und Mathematik auf einen passenden Wissensstand für einen Studienstart gebracht.

„Wir haben richtig geschuftet“, sagt Abbas, und seine Kommilitonin, die sich für Informationstechnologie und Design entschieden hat, fasst zusammen: „Von sieben bis sieben war der Arbeitstag.“ Dabei bemüht sie schmunzelnd ein altbekanntes Sprichwort, das sie als erstes deutsches Sprichwort gelernt habe: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

Das Vorbereitungsprogramm zur beruflichen, akademischen und sozialen Integration von Flüchtlingen hat insbesondere einen geistigen Vater, Professor Klaus-Peter Wolf-Regett. Der Beauftragte für Technologie und Wissenstransfer im FH-Präsidium ist stolz auf das Netzwerk – insbesondere die Emil-Possehl-Schule sowie die Volkshochschule – und natürlich die jungen Leute. „Im April 2016 ist die erste Linkplus-Klasse mit 24 Teilnehmerinnen und Teilnehmern an den Start gegangen, und 16 davon konnten zum Wintersemester 2017/18 in ein Hochschul-Studium überführt werden“, bilanziert er.

Vier der 24 jungen Erwachsenen aus Syrien, Eritrea, Afghanistan, Somalia, dem Iran, Irak und Jemen wechselten in einen Ausbildungsberuf, zwei in ein anderes Studienkolleg, und die übrigen zwei entschieden sich für etwas ganz anderes. „Das ist eine sehr schöne Gesamtbilanz“, kommentiert Linkplus-Koordinatorin Nicole Grimm.

13 der 16 Studienwilligen sind an der FH vor Ort geblieben; ein Duo wechselte nur die Straßenseite und ging an die Uni Lübeck. Hinsichtlich des gewählten Fächerspektrums ist einiges dabei – angefangen bei regenerativer Energietechnik über Maschinenbau, Bauingenieurwesen, Informationstechnologie und Design bis zur Biomedizintechnik, Architektur, Informatik und Elektrotechnik.

Rowan Kharnoub hatte bereits vier Semester in Damaskus studiert, bevor der Krieg kam und sie mit ihrer Familie flüchten musste. „Über den Libanon, durch die Türkei, Griechenland, Ungarn, nach Wien, über München, Düsseldorf, Neumünster, Kiel sind wir schließlich in Eutin gelandet, von wo ich jeden Tag zum Campus nach Lübeck pendle“, erzählt die junge Frau. Nun könne sie ihren Traum wahr machen, Informatikerin zu werden – „das erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit“, betont sie ausdrücklich.

Wird Koordinatorin Nicole Grimm nach dem Erfolgsrezept des Kursangebotes gefragt, nennt sie als Erstes den intensiven Sprachunterricht. „Denn die deutsche Sprache ist das A & O“, weiß sie.

Zudem sei es wichtig, eine gute Vorauswahl unter den motivierten Interessierten mit Abitur zu treffen. „Wir haben sehr viele Bewerbungen auf unsere nun jährlich zu vergebenden 20 Plätze, weil unser Programm inzwischen einen landesweiten Ruf genießt“, erläutert sie. Für Professor Klaus-Peter Wolf-Regett steht jedenfalls fest, „dass diese jungen Flüchtlinge das beste Beispiel dafür sind, dass Integration gelingen kann und unsere Gesellschaft profitiert“.

Erster Jahrgang war rein stiftungsfinanziert

Zum Linkplus-Netzwerk gehören neben der Fachhochschule Lübeck die Volkshochschule, die Emil-Possehl-Schule, Sozial- und Wohlfahrtseinrichtungen – wie unter anderem die Awo und die Gemeindediakonie –, die Agentur für Arbeit und die Berufsverbänden wie IHK und Handwerkskammer. Im ersten Jahr kostete das Programm knapp 200000 Euro. Es wurde finanziert von der Possehl-Stiftung, der Gemeinnützigen Sparkassenstiftung und der Jürgen Wessel Stiftung. Mittlerweile beteiligt sich aber auch das Land Schleswig-Holstein zur Hälfte an den Kosten.

 Michael Hollinde

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