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Studieren in Lübeck Neue Chancen auf Heilung bei Erbkrankheiten?
Thema S Studieren in Lübeck Neue Chancen auf Heilung bei Erbkrankheiten?
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21:18 23.02.2016
Forscher Dr. Andreas Dalski entnimmt ein Zentrifugenröhrchen, während Institutsleiterin Prof. Gabriele Gillessen-Kaesbach (v. r.), Prof. Frank Kaiser sowie Privat-Dozent Dr. Yorck Hellenbroich über die neuesten Laborergebnisse diskutieren. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Mit ihrer Hilfe ist vor gut vier Jahren bundesweit das erste Baby nach einem speziellen Gentest- Verfahren zur Welt gekommen. „PID, so das Kürzel“, erklärt Professorin Gabriele Gillessen-Kaesbach, „es steht für die Präimplantationsdiagnostik. Und zusammen mit Emeritus Professor Klaus Diedrich konnten wir damals diese Pionierarbeit leisten.“

Die Medizinerin leitet das Lübecker Uni-Institut für Humangenetik, das bei dieser Diagnose-Methode Hand in Hand mit den Ärzten der Uni-Frauenklinik arbeitet. PID — erst durch ein Urteil im Juli 2010 vom deutschen Gesetzgeber erlaubt — ermöglicht es Eltern mit einem schweren erblichen Risiko, nach vorheriger aufwendiger Laboranalytik durch Reagenzglas-Befruchtung, ein Baby ohne diesen Erbdefekt zu bekommen.

„Sicherlich hat uns dies in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt“, sagt die Professorin, deren Institut sich mit seinem 20-köpfigen Team im diagnostischen Bereich recht überschaubar präsentiert, aber in den meisten Kliniken auf dem Campus bei der Suche nach erblichen Krankheitsursachen eingebunden ist. Durch das ministerielle Siegel versehen, wurde das Institut auch deutschlandweit zum ersten „Zentrum für Präimplantationsdiagnostik“. „Inzwischen sind aber weitere im Süden dazugekommen“, so Gillessen- Kaesbach.

Ansprechpartner für ratsuchende Paare ist vor allem Facharzt Dr. Yorck Hellenbroich. „Wir haben rund 100 Anfragen im Jahr; und bei rund 40 kommt es zum ausführlichen, dreigeteilten Informationsgespräch — erst in der Reproduktionsmedizin der Frauenklinik, dann bei uns und schließlich in der psycho- sozialen Beratungsstelle“, erläutert der Privat-Dozent. Danach werde zudem noch das „Okay“ der Ethik-Kommission Nord benötigt, um überhaupt mit der Behandlung beginnen zu können.

Eine weitere hohe Hürde: Die Kosten, die die Paare selbst tragen müssen. „Denn nur der genetische Analyse-Part schlägt mit 10000 Euro zu Buche. Dazu kommen noch die Rechnungen der Frauenklinik und der Ethik-Kommission, so dass man summa summarum bei 20 000 Euro landet“, bilanziert die Institutsleiterin. Ihr Urteil: Was die Leistungen der Krankenkassen in dem Bereich Gen-Diagnostik angehe, „sind wir in Deutschland wirklich noch hinter dem Mond“.

Das Thema PID wird auch die zirka 800 Teilnehmer beschäftigen, die Mitte März zur 27. Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Humangenetik nach Lübeck kommen werden. „Nach 2000 wird es das zweite Mal sein, dass wir Gastgeber sind. Und wir werden uns mit den großen aktuellen Fragestellungen in unserem Fach beschäftigen“, blickt Tagungspräsidentin Gillessen-Kaesbach voraus. Einen breiten Diskussionsraum werde entsprechend auch die „Gen-Schere“ einnehmen.

„Das sogenannte CRISPR/Cas9- System ist eine der bedeutendsten Entdeckungen in der Molekularbiologie“, erläutert Prof. Frank Kaiser. Man könne damit im Labor in wenigen Schritten ein Gen entfernen und ein anderes an seine Stelle setzen — „möglicherweise sind wir so einmal in der Lage, genetisch bedingte Erkrankungen zu heilen.“ Und sein Institutskollege Naturwissenschaftler Dr.

Andreas Dalski merkt an: „Wie so oft in der Geschichte der Forschung sind aber die zukünftigen Auswirkungen der neuesten Erkenntnisse heute nicht oder nur schwer abzusehen.“

Jahrestagung mit öffentlichen Veranstaltungen

Am Mittwoch, 16. März, dem Eröffnungstag der Jahrestagung, bietet die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik die Chance, in die Wissenschaft hineinzuschnuppern. Von 8.30 bis 12

Uhr können Oberstufenschüler in fünf Kurzvorträgen erfahren, was es mit der PID, der Gen-Schere und der Tumorgenetik auf sich hat. Im Hanse- Saal des Hotels Hanseatischer Hof, Wisbystraße 7-9, wo das dreitägige Forschertreffen stattfindet, sind noch Plätze frei (Anmeldung per E-Mail an

Andreas.Dalski@uksh.de).

Zum öffentlichen Abendvortrag von 17.30 bis 18.30 Uhr am selben Tag im Hanseatischen Hof sind alle Interessierten eingeladen. Über das Thema „Wie wird man zum Spitzenmusiker? Höchstleistung im Spannungsfeld von Genetik, Gesellschaft und Persönlichkeit“ wird Prof. Eckart Altenmüller, Institut für Musikphysiologie, referieren.

Michael Hollinde
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