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Sportlerwahl Olympia 2016 — Munski lebt seinen Traum
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18:20 15.12.2016
Blumen und die gläserne Stele für den „LN-Sportler des Jahres 2015“: Maximilian Munski im Ergometer-Raum des Ruder-Leistungszentrums in Dortmund. Fotos (4): Felix König
Dortmund

In der Küche räkeln sich über einer roten Couch entblößte Damen an der Wand, direkt unter einem Regal mit Faxe-Bier und neben einem Plakat, das Ruder-Olympiasieger zeigt. Eiweiß-Pulver in Mega-Kübeln hier, Cornflakes und leere Flaschen da. Zweifelsfrei eine Männer-WG. Seit November ist sie das Zuhause von Maximilian Munski. Mitten in Dortmunds Mitte. Der Turm mit dem U, der einstige Gär- und Lagerkeller der Union-Brauerei, ist nur einen Steinwurf weg.

Der Lübecker teilt sich die „Bude“ mit einem Nachwuchsruderer und einem „Normalo“. Sie ist sein Rückzugsgebiet, „passt ideal, denn der Stützpunkt ist nur zehn Minuten weg“. Der „Stützpunkt“ ist das Ruderleistungszentrum am Dortmund-Ems-Kanal, seit 1986 die Heimat des Deutschland-Achters, mit dem sich Munski seinen Traum erfüllen will: Olympia in Rio. Der 13. August 2016, ein Samstag. Seit gut vier Jahren ist er auf diesen Tag fixiert, ohne es genau zu wissen. „Was da ist? Wenn du so fragst, sicher das Achter-Finale . . .“ Auf dem Lagoa Rodrigo de Freitas soll das nächste Gold-Kapitel um den Mythos Deutschland-Achter geschrieben werden.

Munski hat dafür sein Leben umgekrempelt, alles auf dieses Ziel abgestimmt. Er ist von Hamburg weggezogen, lebt jetzt in einer Fernbeziehung zu seiner Freundin Kathrein. Dass sie selbst Rudererin war, hilft. „Andere könnten das nicht nachvollziehen.“ Er ist auch weg von seinen Kommilitonen, den Sonderpädagogik-Studenten (4. Semester). Zeit für sie, zum Grillen oder so, hatte er zuletzt ohnehin kaum. „Sie haben schon gar nicht mehr gefragt.“ Munski lebt Rudern — mit allem, was dazugehört; den endlosen Trainingslagern, der Monotonie auf Ergometern oder den „Höllentagen“, wie er sie nennt. Wenn morgens um sieben die erste von vier Einheiten ansteht, „mich abends nur noch eine Dose Cola und eine Tafel Schokolade auf Ex am Leben hält“. Oder wenn er sich selbst bei Gedankenspielereien ertappt, „wenn ich auf dem Ergo sitze, Arme und Beine brennen, der ganze Körper schmerzt und ich denke, ob das jetzt reicht gegen die Briten“. Sie sind die Weltmeister, ihr größter Gold-Konkurrent.

Vor 16 Jahren, als ihn ein Kumpel einfach zum Training der Lübecker RG mitnahm, er die Gruppe, „den Björn (Trainer Lötsch), die Jungs irgendwie cool“ fand, war daran nicht zu denken. Vor sechs Jahren, als er nach diversen Junioren-Erfolgen bei der A-WM in Neuseeland dabei war, reifte der Traum das erste Mal. „Olympia ist ja gar nicht so weit weg“, stellte er fest. Nur: Kurz vor den 2012-Spielen wurde er ausgemustert. Der erste Knick in seiner Karriere-Kurve. „Ich war sauer, wollte alles hinschmeißen.“ Doch seine Familie, die LRG-Gemeinde richtete den 1,96-m-Riesen mit der Spannweite eines Albatros‘ wieder auf. Es war die Stunde seiner Kampfansage, „dass ich mich mit aller Konsequenz Olympia verschreibe“.

Seit dem Vorjahr hat er im Achter einen Stammplatz, ist Europameister, Vizeweltmeister. Nur: Einen Rio-Reiseführer hat Munski noch nicht. „Ende April wird erst nominiert“, wehrt er ab. Das „Team Achter“, zu dem auch der Vierer und Zweier gehören, umfasst aktuell 22 Mann. „Zwölf können es in den Achter schaffen“, weiß Munski. Bundestrainer Ralf Holtmeyer relativiert: „Sicher ist keiner, doch ich werde nicht alles neu machen. Die Jungs müssen in zwei Tests aber ihre Leistung bestätigen.“ An Munski schätzt er neben seinen sportlichen Qualitäten, dass er „alles grundsätzlich positiv angeht, die anderen mitzieht, mitreißt. Er ist für den Teamgeist ganz wichtig.“ Sagt es und schickt seine Jungs aufs Wasser. 22 Kilometer Kanal-Rudern. Ein ganz normales Training . . .

Nach Rio ist das für Munski kein Thema mehr. Für den „LN-Sportler des Jahres 2015“ werden dann ganz normale Dinge wichtig: die Rückkehr nach Hamburg, Zeit mit der Freundin, Studium, Besuche beim Bruder in Leipzig. „Ich will mich dann mal keinem Trainingsplan mehr unterordnen.“ Und was ist mit Olympia in Tokio? „Ich will mich zwar jetzt nicht festlegen, aber bis 2020 wird mich keiner mehr kriegen. Ich lebe jetzt meinen Traum.“

Der Fahrplan für Olympia

21. Februar bis 10. März: Trainingslager in Sevilla/Spanien

15. bis 17. April: Deutsche Kleinbootmeisterschaften in Köln (im Zweier)

6. bis 8. Mai: EM in Brandenburg

27. bis 29. Mai: Weltcup in Luzern

17. bis 19. Juni: Weltcup in Posen

20. Juni bis 10. Juli: Trainingslager in Völkermarkt/Österreich

14. bis 26. Juli: Trainingslager in Ratzeburg

28. Juli: Abflug nach Rio de Janeiro

8. August: Vorlauf

13. August: Achter-Finale

Jens Kürbis

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