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Lübeck Das Abc der Hoffnung

Dank Spenden können junge Flüchtlinge bei der Vorwerker Diakonie von einer besseren Zukunft träumen.

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Lerntherapeutin Iris Liebmann (51) unterrichtet bei der Vorwerker Diakonie Flüchtlinge. Auf einen Platz in einer DaZ-Klasse müssten die Jugendlichen sonst Wochen, manchmal Monate warten.

Quelle: Fotos: Cosima Künzel

St Lorenz Nord. Shafi (17) zieht einen Zettel aus seiner Hosentasche und lacht. „Meine Vokabeln“, sagt er und zeigt auf die arabischen Schriftzeichen mit den passenden deutschen Worten. Er lernt zu Hause, beim Spazierengehen, überall. Seit rund drei Monaten lebt der Jugendliche in Lübeck. Er kam allein, ohne Eltern aus Afghanistan. Sein Traum ist, Deutsch zu lernen und zu studieren. Ein Sprachkursus bei der Vorwerker Diakonie ist sein erster Schritt in diese Richtung.

Über ihre Arbeitsblätter gebeugt sitzen 15 Jungs in dem Unterrichtsraum. Sie reden in einem Mix aus Arabisch und Deutsch, lachen oft und strahlen eine heitere Lernfreude aus. Shafi spricht so gut Deutsch, dass er für andere Schüler übersetzen kann. Lerntherapeutin Iris Liebmann (51) legt aber Wert darauf, dass in ihrem Kursus Deutsch gesprochen wird. Statt Englisch nimmt sie „Hände und Füße“ zur Hilfe, malt Skizzen, benutzt Arbeitsblätter und viel Anschauungsmaterial. Als sie über Mülltrennung gesprochen haben, brachte sie gelbe Säcke plus Inhalt mit.

Heute ist Orientierung das Thema. Liebmann verteilt einen Altstadtplan, erklärt „rechts“, „links“, „gradeaus“. Im Rollenspiel sollen Schüler Wege erklären und verstehen. Wichtig sind der Lehrerin aus Reinfeld nicht nur die neuen Worte. Die jungen Leute sollen gleichzeitig lernen, sich zurechtzufinden. „Das ist eine Ampel“, sagt Liebmann und malt ein Rechteck mit drei Kreisen an das Whiteboard.

„Rot: Ihr müsst stehenbleiben, Grün: Ihr könnt gehen.“ Fleißig und freundlich spricht die Gruppe die neuen Worte nach. Manchmal ist es für alle lustig. Liebmann: „Welche Farbe hat der Briefkasten?“

Die Schüler sagen: „Faaarpe.“ Liebmann lächelt, schüttelt den Kopf und zeigt auf einen gelben Stift, ein gelbes Schild. „Aha, Geeelp!“, rufen die Jungs. Auch Freundlichkeit und die Vermittlung deutscher Werte sind der 51-Jährigen wichtig. Wenn die jungen Leute mal zu laut sind, sagen sie sofort: „Entschuldigung.“ Auf den Lehrplan hat die Lerntherapeutin außerdem „gesellschaftliche Gepflogenheiten, Verhalten gegenüber Frauen, Körper/Gesundheit, Essen/Kleidung“ und einige Themen mehr geschrieben. Für die Jungs ist das wichtig, alle in dem Kursus sind ohne ihre Eltern in Deutschland. Entweder sind sie ohne Familie aufgebrochen oder sie haben Mutter und Vater auf der Flucht verloren. So wie Mahdi. Er ist erst 16 Jahre alt, stammt ebenfalls aus Afghanistan und hat seine Eltern seit zwei Monaten nicht gesehen. „Verloren“, sagt er auf Deutsch und in seinen Augen schimmern Tränen. Jeden Tag hofft er auf ein Lebenszeichen von ihnen. Bisher vergeblich.

Shafi ist seit über drei Monaten in Lübeck, er zählt die Tage. „Heute hundert“, sagt er und nennt die Zeit ein „Glück“. Vor Kurzem konnte er aus der Inobhutnahmestelle in eine ambulant betreute WG ziehen, wo er jetzt lernt, sich selbst zu versorgen. Was ihn in dem fremden Land erwartet, wusste er nicht. „Ich habe nur Filme im Internet gesehen.“ Aufgewachsen ist der 17-Jährige in Herat, wo er eine zehnte Klasse besuchte und einen Englisch- und Computerkurs absolviert hat. Doch die Islamische Republik Afghanistan wird beherrscht vom Terror, von Korruption und Armut. Fast täglich gibt es neue Anschläge mit Toten und Verletzten. Weil seine Eltern für ihn, seine fünf Schwestern und den kleinen Bruder keinen Ausweg mehr sahen, schickten sie ihn fort. Die letzte Etappe der zweimonatigen Flucht verbrachte er mit 35 anderen Menschen, eingepfercht in einem Lkw. „Auch Frauen und Kinder. Angst. Schrecklich.“

Dass er heute wieder lachen kann, liegt auch daran, dass er Träume hat, eine Zukunft sieht. „Ich möchte Abitur machen, studieren, am liebsten Anwalt werden“, sagt er und empfindet das Lernen als Freude.„Schreiben und Sprechen ist leicht, aber Grammatik — Nominativ, Akkusativ, Dativ — das ist schwer“, sagt er. Für Liebmann sind die Deutschkurse auch aus psychologischer Sicht bedeutsam: „Es ist sehr wichtig, dass für die Jungs hier etwas passiert, dass sie zügig Deutsch lernen dürfen.“

Spenden ermöglichen Sprachkurse

6 bis 15 Jugendliche nehmen an den Sprachkursen der Vorwerker Diakonie teil. Die Anzahl hängt davon ab, wie viele minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge neu in Obhut genommen worden sind. Der Unterricht findet montag- bis donnerstagvormittags in der Triftstraße statt und ist durch Spenden finanziert.


Dank des Sprachunterrichts wird die Wartezeit bis zur Beschulung überbrückt. Laut Sprecher Lutz Regenberg könnten die Jugendlichen zwar sofort bei der Schule angemeldet werden, aber derzeit seien die Einrichtungen insbesondere für die über 15-Jährigen überlaufen, so dass sie auf freie Plätze in einer DaZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache) Wochen, manchmal Monate warten müssten. Die Vorwerker Diakonie habe das Angebot eingerichtet, da Sprache der wesentlicher Schlüssel zur Integration sei, betont Regenberg.

Cosima Künzel

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