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Die Hebamme vom Volksfestplatz

Lübeck Die Hebamme vom Volksfestplatz

Kathrin Schumacher (54) bietet seit Anfang Dezember eine Sprechstunde für Schwangere und Familien mit Kindern in der Landesunterkunft für Flüchtlinge an.

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Ihre Sprechstunden in der Landesunterkunft für Flüchtlinge sind gut besucht: Hebamme Kathrin Schumacher (54) misst bei Mutter Sozan den Blutdruck. Die 21-Jährige erwartet ihr drittes Kind.

Quelle: Cosima Künzel

Lübeck. Die Zwillinge sind vier Wochen alt. Ihre Mutter hat sie auf der Flucht entbunden. Die 35-Jährige hatte sich im neunten Monat von Syrien aus auf den Weg nach Lübeck gemacht, mit sieben weiteren Kindern. Jetzt hat sie es geschafft und ist dankbar für die Hilfe, die sie bekommt. So wie viele weitere Frauen und Familien, die jede Woche die Hebammensprechstunde von Kathrin Schumacher (54) auf dem Volksfestplatz aufsuchen.

Seit Anfang Dezember bietet die Freiberufliche Vorsorge, Nachsorge und Beratung in der Landesunterkunft für Flüchtlinge an. Normalerweise finden in dem Ärzte-Container die Notfallsprechstunden und die Erstuntersuchungen statt, aber donnerstags ist die Hebamme dort zu Besuch. „Ich habe meine Hilfe angeboten, weil jede Schwangere und Familien mit Kindern Anspruch auf Hebammenhilfe haben“, sagt sie und meint das nicht nur im rechtlichen Sinne. „Das ist auch meine Berufsethik.“ Abrechnen kann sie die Sprechstunden mit dem Landesamt für Ausländerangelegenheiten, sagt sie.

„Inzwischen kommen etwa zwölf Frauen und Familien mit Kindern in die zweistündige Sprechstunde“, erzählt die Lübeckerin und freut sich über das Vertrauen, das ihr entgegengebracht wird. „Die Hemmschwelle ist hier niedrig, und ich habe immer Unterstützung von meiner treuen Sprachmittlerin.“ Ehrenamtlerin Nagham Alkaed (32) stammt aus Syrien, hat dort englische Literatur studiert und würde in Deutschland nun gern Soziologie studieren. „Leider bin ich gerade arbeitslos, hoffe aber sehr auf ein Stipendium“, sagt die Helferin, die seit Jahren in Lübeck zu Hause ist. Sie spricht Deutsch, Englisch, Arabisch und ohne ihre Hilfe wäre die Verständigung mit den Frauen sehr schwierig.

Auch die Zwillingsmutter ist dankbar, dass jemand ihre Sprache spricht. Alkaed übersetzt Schumachers Fragen nach dem Befinden der Säuglinge auf Arabisch, erklärt die Untersuchungen und spricht mit der Mutter über Sorgen und Hoffnungen. Wie viele in der Unterkunft möchte die Schutzsuchende nicht in einer Zeitung zu erkennen sein. Zu allgegenwärtig ist die Angst vor Verfolgung, zu schrecklich ist das Erlebte in der Heimat. Und so gehören traurige Geschichten über Krieg und Terror zu der Sprechstunde dazu wie die glucksenden Zwillinge auf Schumachers Arm. Während die 54-Jährige die Kleinen wiegt und untersucht, warten schon die nächsten Flüchtlingsfamilien vor der Tür. „Doktor, Doktor?“, fragen sie.

Immer bleibt Schumacher ruhig, gelassen, freundlich und strahlt große Freude an ihrer Arbeit aus. „Es ist schön, dass ich den Familien helfen kann, denn viele Schwangere kommen nach der schwierigen Flucht in schlechtem körperlichen und seelischen Zustand hier an.“ Gleichzeitig muss Schumacher während ihrer Sprechstunde flexibel sein. Mal macht sie für einen medizinischen Notfall den Raum frei, dann geht sie zum „Hausbesuch“ in einen Wohncontainer, manchmal braucht sie einen anderen Dolmetscher für seltene Sprachen oder es funktioniert mit Zeichensprache oder Bilderkarten über Kinderernährung.

Mit dabei hat sie unter anderem einen Vaporisator zum Sterilisieren der Fläschchen, ein Blutdruckmessgerät und ein Dopton zum Abhören der Herztöne im Mutterleib. „Die Schwangeren freuen sich sehr, wenn sie das hören.“ Auch Mutter Sozan (21) erwartet ein Baby. Sie ist in der 18. Woche und hat schon zwei kleine Kinder. Manchmal schmerzt ihre Kaiserschnittnarbe, aber ansonsten ist alles okay, erzählt die Hebamme. Wo Sozan ihr Baby zur Welt bringen wird, weiß sie noch nicht. Aber sie hofft, dass es an einem Ort sein wird ohne Krieg und Terror.

Die Unterkunft

1183 Flüchtlinge leben derzeit auf dem Volksfestplatz in Wohncontainern. Die Landesunterkunft wird im Auftrag des Landes Schleswig-Holstein von den Johannitern und Deutschem Roten Kreuz betrieben. Die Einrichtung soll voraussichtlich bis Mitte des Jahres bestehen.
Hebamme Kathrin Schumacher würde ihr Angebot mit fünf Kolleginnen gern erweitern, indem sie Ernährungsberatung für Schwangere und Bewegungsangebote für Babys anbietet. So könnten sich die Kleinsten in der räumlichen Enge besser entwickeln.



• Mehr Informationen unter www.fluechtlingshilfe.drk-luebeck.de

Cosima Künzel

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