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Ein Feiertag mit Flüchtlingen

Lübeck Ein Feiertag mit Flüchtlingen

Zwei Lübecker haben Freundschaft mit einer syrischen Familie geschlossen und laden sie auch zum Fest ein.

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Yomna (14, von links), Ghadeer (16), Bassel (45), Yehya (7), und Siba (36) Al-Rahmouni sitzen bei Simone Schmidt (38) und Thomas Abeltshauser (61) am Wohnzimmertisch und essen Stollen.

Quelle: Cosima Künzel

Lübeck. Über 2500 Flüchtlinge sind in diesem Jahr in die Hansestadt gekommen. Einen dieser Menschen in Not zum Weihnachtsfest bei sich zu Hause einzuladen, scheint nicht abwegig. Aber so etwas tatsächlich in die Tat umsetzen? Thomas Abeltshauser (61) und Simone Schmidt (38) machen es. Sie haben nicht nur einen, sondern gleich sechs Schutzsuchende aus Syrien bei sich zu Gast.

Auf dem Couchtisch brennen vier Kerzen, und die Teller mit Pfefferkuchen stehen bereit. Die Gastgeberin verteilt Stollen an die Familie aus Syrien und Vater Bassel Al-Rahmouni (45) lächelt. „Habe ich noch nie probiert“, sagt er auf Englisch, „schmeckt sehr lecker“. Für seine Frau Siba (36) und die Kinder Ghadeer (16), Yomna (14), Mohammad (10) und Yehya (7) sind weihnachtliche Dekorationen und Bräuche nicht fremd. Sie selber sind Muslime, aber in ihrer Heimatstadt leben auch Christen. „Zur Weihnachtszeit haben sie in Aleppo ihre Häuser und die Straßen schön geschmückt“, sagt Ghadeer und erzählt, dass Weihnachten auch bei Nicht-Christen zunehmend beliebt sei. Nicht als religiöses Fest, aber mit Dekorationen, Freude und Feierlichkeit.

Doch zum Feiern ist den Menschen in ihrer Heimat keineswegs zumute. Und vom einem Leben in Frieden können sie nur träumen. „Es gibt keinen Strom, kein Wasser, unser Haus ist ausgebombt und meine Schule zerstört“, sagt die 16-Jährige. Dabei hatten die Mädchen viel vor. Ghadeer wollte Architektin werden, die kleine Schwester Journalistin. Jetzt hoffen sie auf eine Zukunft in Deutschland und gehen in einer DaZ-Klasse der Ernestinenschule ehrgeizig darauf zu. Während die Töchter erzählen, zeigt der Vater Simone Schmidt Fotos von seiner Arbeit. In Syrien hatte er eine eigene Firma und gestaltete Wohnräume mit farbigen Malereien. Sein letzter Auftrag war die Gestaltung eines prächtigen Hauses. Als es fertig war, fielen Bomben. „Alles zerstört.“

So kam die Familie mit den großen Flüchtlingsströmen nach Deutschland und lebt nun in einer Übergangsunterkunft der Gemeindediakonie. So haben sie auch Thomas Abeltshauser und seine Lebensgefährtin kennengelernt. „Wir waren in Frankreich im Urlaub, als so viele Schutzsuchende nach Deutschland kamen“, erinnert sich der Jurist. Die Franzosen seien beeindruckt gewesen von der deutschen Willkommenskultur, und auch die beiden Lübecker beschlossen sich zu engagieren, sagt er. „Ich habe lange im Ausland gelebt und bin dort auch immer freundlich aufgenommen worden.“ Über die Gemeindediakonie lernten sie Al-Rahmounis kennen und mochten sie sofort. „Sie sind ausgesprochen gastfreundlich und modern“, sagt der 61-Jährige.

Inzwischen treffen sie sich mindestens einmal die Woche zum gemeinsamen Essen, Lernen und Beisammensein. „Mit Mohammad habe ich schon Deutsch und Mathe geübt“, sagt Schmidt, „und Yehya hat mir das arabische Alphabet beigebracht.“ Abeltshauser betont, dass die Verbindung keine einseitige Integrationshilfe ist. „Wir können gegenseitig viel voneinander lernen, und die Gespräche über Kultur, Religion und Rechtssysteme sind eine Bereicherung für uns.“ Das Weihnachtsfest werden sie ohne große religiöse Zeremonien verbringen. „Eher wie ein gemeinsames Kaffeetrinken und ein Angebot an die Eltern und Kinder, die sich nicht ausgeschlossen fühlen sollen.“

Und irgendwie passt es auch in diese Zeit, dass die Familie gerade jetzt eine neue Herberge sucht. Nicht unbedingt einen Stall, sondern eher eine schöne, bezahlbare Wohnung, in der sich die Eheleute mit ihren vier Kindern wieder wie in einem Zuhause fühlen können. „Wir haben schon mitgesucht, aber es ist schwierig“, sagt Abeltshauser und würde sich über Angebote sehr freuen (dr.abs-law@gmx.de).

„Wir können gegenseitig viel voneinander lernen. Die Gespräche sind eine Bereicherung für uns.“
Thomas Abeltshauser (61), Jurist

Cosima Künzel

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