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Helfen, lehren, sichern: Flüchtlinge bringen Arbeit

Lübeck Helfen, lehren, sichern: Flüchtlinge bringen Arbeit

Der Zustrom von Migranten schafft Arbeitsplätze. Nebojsa Jovanovic (34) hat einen Job als Hausmeister in einem Wohnheim bekommen.

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Die Flüchtlingkrise hat Nebojsa Jovanovic (34) zu einem Job als Hausmeister verholfen.

Quelle: Wolfgang Maxwitat

Innenstadt. Im Januar bekam Nebojsa Jovanovic endlich seine Aufenthaltserlaubnis. Einen Job hatte er damit noch lange nicht. Er lebte mit seiner Familie von Sozialleistungen und wollte vor allem eins: arbeiten. Im Mai ging sein Wunsch in Erfüllung: Jovanovic, ein gelernter Fleischer, der aus Serbien kommt und seit drei Jahren in Lübeck lebt, fing bei der Gemeindediakonie als Hausmeister in einem Wohnheim am Kaisertor an.

Der große Zustrom von Flüchtlingen macht vielen Menschen Sorge. Für manche ist er aber auch eine Chance, denn es sind neue Stellen entstanden. Die Arbeitsagentur Lübeck, die auch für Ostholstein zuständig ist, meldete Ende November 84 freie Stellen im Bereich Wach- und Sicherheitsdienste — ein Jahr vorher waren es nur 22. Im Bereich öffentliche Verwaltung stieg die Zahl von 63 auf 99, im Gesundheits- und Sozialwesen von 221 auf 304.

Die Hansestadt Lübeck hat vier Sachbearbeiter im Bereich Soziale Sicherung eingestellt und sucht weitere für Unterkunftssicherung, Jugendamt und Koordination der Flüchtlingshilfe. Die Gemeindediakonie hat im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der Flüchtlingshilfe und -unterbringung 44 Mitarbeiter eingestellt. Die meisten davon sind allerdings Erzieher, nach denen die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt ohnehin groß ist.

Das Land Schleswig-Holstein hat nach Auskunft des Innenministeriums seit Januar 67 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt, weitere 15 kämen bald hinzu. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Lübeck hat für die Flüchtlinge 20 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt, darunter Verwaltungskräfte, Sozialpädagogen und technisches Personal, und rechnet mit weiteren neuen Stellen im nächsten Jahr. Die Volkshochschule (VHS), die das Projekt „Deutsch für alle“ koordiniert, schafft dafür elf Stellen — darunter vier für Deutschlehrer, die erstmals fest angestellt werden. „Das ist ein Meilenstein“, sagt VHS-Leiterin Christiane Wiebe. Auch die Honorarkräfte werden erheblich aufgestockt.

Für die Schule in der Erstaufnahme auf dem Volksfestplatz hat das Land zunächst 2,5 Lehrerstellen geschaffen und für 2016 weitere in Aussicht gestellt. Die Zahl der Standard-Intensivkurse wird auf 60 verdoppelt — das bedeutet 19800 zusätzliche Unterrichtsstunden. Boris Orzeszko, Geschäftsführer des Lübecker Sicherheitsdienstes B. O. B., der die Erstaufnahme am Volksfestplatz bewacht, gibt grundsätzlich keine Auskünfte über Personalstärken, bestätigt aber, dass er zusätzlich Leute eingestellt hat — darunter auch Sozialpädagogen und Dolmetscher.

Für den Wohnheim-Hausmeister Nebojsa Jovanovic ist der neue Job eine riesige Chance, sich zu integrieren — in den Arbeitsmarkt und damit auch in die deutsche Gesellschaft. In dem Wohnheim leben 60 Bewohner, fast nur Männer. Wenn die Betreuer um 14 Uhr gehen, ist er die Ansprechperson. Er weiß aus eigener Erfahrung, wie es den Neuankömmlingen geht. Er kenne viele, die keine Arbeit hätten, sagt er. Jovanovic hat seine Probezeit bestanden. „Ich will mein Bestes geben“, sagt er. „Ich will, dass alle Bewohner und der Chef mit mir zufrieden sind.“

Langfristige Effekte ungewiss
Der Volkswirt Leef Dierks, Professor an der Fachhochschule Lübeck, warnt davor, den Job-Boom in der Flüchtlingshilfe überzubewerten: „Das ist aus dem Staatshaushalt finanziert, das ist nicht nachhaltig. Zwei, drei Jahre kann man das durchhalten.“
Auf dem Arbeitsmarkt befürchtet er einen Verdrängungswettbewerb zwischen Flüchtlingen und Einheimischen um Jobs für Geringqualifizierte.
Erst auf lange Sicht hält er positive wirtschaftliche Effekte für möglich. Dann könnten die vielen jungen Leute, die jetzt kämen, ein Mittel gegen den Facharbeitermangel sein. „Aber nur unter der Prämisse, dass die Integration gelingt.“

Hanno Kabel

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