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Kritik an Baumarkt-Unterkunft: Saxe besucht Flüchtlinge vor Ort

St. Jürgen Kritik an Baumarkt-Unterkunft: Saxe besucht Flüchtlinge vor Ort

Zu kalt, zu dreckig, zu wenig Duschen? Schutzsuchende und Helfer beklagen desolate Zustände im ehemaligen Praktiker-Markt — Die Linke spricht sogar von Körperverletzung. Bürgermeister und Sozialsenator waren vor Ort und sehen dort keine "unzumutbaren" Umstände.

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Etlichen Bewohnern macht der Zustand der Unterkunft zu schaffen. Sie sprachen gestern mit Bürgermeister Bernd Saxe (SPD, l.).

Quelle: Felix König

St. Jürgen. „Ich möchte hier einfach nur weg“, sagt Safaa. Seit einer Woche wohnt der 35-jährige Iraker mit seiner Familie der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Praktiker-Baumarkt in der Geniner Straße. „Es ist kein Ort zum Leben, es ist kalt, dreckig, wir haben Duschen ohne Licht“, erzählt er aufgebracht. Zuvor war Safaa mit seiner Frau und seinen drei Kindern in der Erstaufnahme auf dem Volksfestplatz untergebracht. „Ich würde meine Hände küssen, könnten wir wieder dahin zurückgehen.“ Zusammen mit 20 anderen Schutzsuchenden hat er jetzt eine Petition an die Stadt verfasst. Die Botschaft: „Wir wollen die Unterkunft verlassen, wir können hier nicht leben“, sagt Safaa.

Schon die Linken hatten in mehreren Mitteilungen von einer desolaten Unterkunft und unzumutbaren Zuständen gesprochen. Schmutz und Dreck, eine ekelerregende Wasserstelle, keine Waschmaschinen, keine Seife, keine Windeln oder Babynahrung, kein Strom für die Bewohner, prangerte Linken-Kreisvorsitzende Katjana Zunft an, „diese Einrichtung macht krank, das ist Körperverletzung“.

Eine Augenzeugin, die ungenannt bleiben will, ist nach eigener Aussage seit einer Woche vor Ort, weil sie dort eine Familie betreut. „Es gibt nur eine Dusche für Männer und Frauen zusammen, in der Dusche gibt es kein Licht, so dass die Menschen bei offener Tür duschen müssen“, sagt die Frau. In den Schlafkabinen gebe es kein Licht und keinen Strom. Ab 22 Uhr wird das Licht im ehemaligen Baumarkt gelöscht, um 8 Uhr wieder angestellt. Kerzen seien in den Schlafkabinen wegen der Brandgefahr verboten. In der ersten Woche habe es für die Schutzsuchenden kein Wasser, keinen Tee und keinen Kaffee gegeben. Dafür wurde den Menschen von ihrer Flüchtlingsunterstützung ein Betrag für die Vollverpflegung abgezogen, so dass sie nicht genug Geld hatten, um sich selbst zu versorgen, kritisiert die Augenzeugin.

Gestern Nachmittag machte Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) das Thema zur Chefsache. Gemeinsam mit Sozialsenator Sven Schindler (SPD) besuchte er den früheren Praktiker-Markt — unangemeldet. „Ich habe lange mit den Flüchtlingen gesprochen“, sagte Saxe. Den Baumarkt beschreibt der Verwaltungschef als „sauber und aufgeräumt“. Es habe heißen Tee und Obst in der Essensausgabe gegeben. Saxe: „Es ist eine suboptimale Unterbringung, aber ich habe an keiner Stelle den Eindruck gewonnen, dass die Einrichtung unzumutbar ist.“ Saxe und Schindler wiesen Behauptungen zurück, dass Infektionen grassieren würden. Waschmaschinen seien geliefert, aber noch nicht angeschlossen worden. Der Sanitärcontainer hinter dem Gebäude gehe nächste Woche in Betrieb. Im Gebäude gebe es eine größere Sanitäreinheit.

„Wir achten darauf, dass Männer und Frauen getrennt duschen können“, versicherte Saxe.

Richtig sei, dass das Licht zentral ein- und ausgeschaltet werde. Die einzelnen Kabinen würden mit Strom und Licht nachgerüstet. Die Gemeindediakonie, die diese Unterkunft betreut, rüstet die Kabinen mit Kleiderschränken, Tischen und Stühlen nach.

Zum Ende der Woche werde sich die Gemeindediakonie vom Caterer trennen, der die Menschen dort versorgt. „In der ersten Woche ist das nicht so gut gelaufen“, bestätigte der Sozialsenator. Unzufrieden sind die Schutzsuchenden auch, weil ihnen die Vollverpflegung von der Unterstützung abgezogen wird. Das hat Saxe den Flüchtlingen nach eigenen Angaben erklärt. Die Senatsspitze musste den Flüchtlingen auch klar machen, dass diese Unterbringung zwar nur für 14 Tage bis drei Wochen geplant sei. Wegen der bevorstehenden Feiertage könne sich eine Verlegung in Gemeinschaftsunterkünfte mit besserem Standard allerdings bis in den Januar hinziehen.

Der ehemalige Baumarkt wird auch noch voller. Saxe: „Die Zahl der Flüchtlinge dort wird in den nächsten Tagen auf bis zu 150 anwachsen.“ Derzeit kommen wöchentlich 180 Schutzsuchende nach Lübeck. Die Zuweisung läuft noch bis zum 21. Dezember. Bis dahin muss die Stadt noch 350 Plätze in Unterkünften schaffen. Saxe und Schindler: „Wir wollten vermeiden, dass Menschen in Zelten untergebracht werden müssen.“ Oder in Turnhallen. Schindler: „Es ist der Bevölkerung nicht vermittelbar, dass wir Turnhallen beziehen und den ehemaligen Baumarkt leerstehen lassen.“

„Die Einrichtung macht krank.“
Katjana Zunft, Die Linke
„Für Kinder ist das kein Ort zum Leben.“
Safaa (35) aus dem Irak

Kai Dordowsky und Katrin Diederichs

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