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Mit Fußball das Grauen vergessen

Lübeck Mit Fußball das Grauen vergessen

Die Vorwerker Diakonie möchte minderjährigen Flüchtlingen, die ohne Eltern in Lübeck angekommen sind, gern Sport- und Kulturangebote machen — Doch das ist nur mit Spendengeldern möglich.

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Mohamad (15, r.) spielt in der Soccer-Halle Fußball. Bis die Hallenschuhe in seiner Größe frei sind, trägt er Socken. Nabil Khemissa (50) ist Dolmetscher und Kicker in einer Person. So lange die Flüchtlinge noch keinen gesetzlichen Vormund haben, dürfen sie auf Fotos nicht erkannt werden.

Quelle: Fotos: Cosima Künzel

Lübeck. Die Plastikkiste mit Fußballschuhen ist leer. Nacheinander haben sich die Flüchtlinge in der Soccer-Halle Bad Schwartau ihre Größen herausgesucht, aber für Mohamad (15) ist kein passendes Paar mehr da. Er und die anderen Jungs sind erst ein paar Wochen in Deutschland und kommen aus verschiedenen Ländern. Sie sprechen Arabisch, Dari oder Persisch — aber beim Fußball verstehen sich alle.

„Eigentlich brauchen sie keinen Schiedsrichter — und erklären muss ich auch nichts“, sagt Betreuer Luca Westphal (21), während sich die Jugendlichen für ein Turnier aufwärmen. Als angehender Erzieher betreut Westphal bei der Vorwerker Diakonie die minderjährigen Flüchtlinge. Sie sind allein zu Hause aufgebrochen oder haben ihre Familien auf der Flucht verloren. „Viele haben dann nur das dabei, was sie am Körper tragen“, erklärt Sprecher Lutz Regenberg. „Sie sind erschöpft, hungrig und belastet von den oft traumatischen Erfahrungen und Erlebnissen, die hinter ihnen liegen.“

So wie Mohamad. Er kommt aus Syrien, seine Eltern leben noch dort, aber andere Familienmitglieder sind im Bürgerkrieg ums Leben gekommen. Der 15-Jährige musste allein fliehen, er schaffte es bis nach Lübeck. „Meist ist es die Bundespolizei, die die jugendlichen Flüchtlinge — beispielsweise im Rahmen einer Routinekontrolle — entdeckt und nach Rücksprache mit dem Jugendamt in die Obhut der Vorwerker Diakonie übergibt.“ Die Mitarbeiter schauen nach der familiären und gesundheitlichen Situation, leiten die Integration der jungen Leute ein. Da die Inobhutnahmephase einige Wochen bis wenige Monate dauern kann, werden bereits Sprachkurse und Orientierungsangebote für mehr Alltagskompetenz angeboten. Außerdem versuchen die Betreuer, den Jugendlichen kleine Freizeitfreuden — wie das Fußballspielen — anzubieten.

„Sport und niedrigschwellige kulturelle Angebote sind für die Jugendlichen wichtig“, betont Regenberg. „Die jungen Leute können sich nicht nur unbeschwert auspowern, sondern vergessen für eine kurze Zeit die schrecklichen Dinge, die sie erlebt haben.“

Mohamad ist erst seit zwei Wochen in Lübeck und spricht noch kein Deutsch. Bei der Suche nach passenden Fußballschuhen hilft ihm der Dolmetscher Nabil Khemissa (50). Aber dieses Mal kann der Betreuer nicht helfen. Die Schuhe sind durch Spenden finanziert, und die Anzahl ist begrenzt. Mohamad muss warten, bis wieder ein Paar frei wird.

Kurz erzählt er von zu Hause, von seiner zerstörten Heimat. „Ich wollte dort gern weiter zur Schule gehen und studieren, aber auch meine Schule gibt es nicht mehr.“ Es sind schwierige Themen am Rande eines Fußballspiels, aber alle hier bringen solche Geschichten mit. Und die Jungs sind froh, wenn sie all das für ein paar Stunden vergessen können. Begeistert rennen, rufen, jubeln sie. Auch Mohamad. Er läuft auf den Platz und hat vor lauter Vorfreude vergessen, dass er nur einen Straßenschuh am Fuß trägt. Geschickt kickt er mit dem Dolmetscher die Bälle und sieht für den Moment richtig glücklich aus.

Klamotten und Kultur

300 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge werden bis Ende des Jahres in Lübeck ankommen. Deren Inobhutnahme übernimmt im Auftrag des Jugendamtes die Vorwerker Diakonie. Die Mitarbeiter kümmern sich um die Unterkunft, notwendige Dinge zum Leben und regeln behördliche Angelegenheiten. Was darüber hinausgeht, kann nur dank Spenden realisiert werden.
Mit den Spendengeldern können beispielsweise Besuche von Soccer-, Kletter- und Schwimmhallen sowie niedrigschwellige kulturelle Angebote (Kino, Theater, Musik) ermöglicht werden. Auch Sportkleidung (Small und Medium) sowie Sportschuhe (Größe 40 bis 43) helfen.

Cosima Künzel

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