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Süßer Reis, Rosinen und bittere Randgeschichten

Lübeck Süßer Reis, Rosinen und bittere Randgeschichten

In der Flüchtlings-WG der Vorwerker Diakonie leben sechs Jugendliche ohne ihre Eltern zusammen. Die Betreuer helfen ihnen in ein neues Leben.

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Islam (17, l.) und Isaq (16) haben mit ihren Mitbewohnern für zwölf Personen gekocht. Auf den Tisch kommt für die Gäste ein typisches Reisgericht aus ihrer Heimat Afghanistan.

Quelle: Fotos: Cosima Künzel

St. Lorenz Süd. Er steht an der Tür und begrüßt die Gäste mit einem großen Lächeln. „Willkommen“, sagt Majid (15) und hält schon die Hausschuhe für die Besucher in den Händen. Mit fünf weiteren Flüchtlingen wohnt der Junge aus Afghanistan in einer Wohngemeinschaft der Vorwerker Diakonie. Alle sind minderjährig und ohne Eltern in Deutschland angekommen.

Vom Flur aus ist der Esstisch im Wohnzimmer zu sehen — Servietten, weiße Tischdecken, Kerzenschein — und aus der Küche strömt der Duft nach Reis, Rosinen, Fleisch und Gewürzen. „Die Jungs kochen seit drei Stunden“, flüstert Sozialpädagogin Catharina Berghahn (32), die mit weiteren Betreuern, einem Dolmetscher und Flüchtlingen aus der Nachbar-WG zum Essen eingeladen ist. Die 32-Jährige beschreibt die Jungs als sehr höflich, solidarisch und lernfreudig. „Außerdem organisieren sie ihren Alltag schon weitgehend selbst.“

Mit Kollegin Annegret Leopold betreut sie die WG stundenweise. Sie helfen bei Behördengängen, Schulangelegenheiten, Organisatorischem oder persönlichen Problemen. Einkaufen, Kochen und Saubermachen ist Aufgabe der Jungs. „Jeden Tag ist jemand anders mit Kochen dran, und sonnabends wird gemeinschaftlich geputzt.“ Der Plan an der Pinnwand weist an diesem Tag Islam (17) als Chefkoch aus. Er darf die Mama- Schürze tragen und lacht.

Neben Geschirrklappern klingen Lachen und Stimmengewirr aus der Küche herüber. Die jungen Flüchtlinge sprechen Paschtunisch und Dari, die offiziellen Amtssprachen in Afghanistan. Um Deutsch zu lernen, absolvieren sie in Lübeck ein Ausbildungsvorbereitendes Jahr (AVJ). Der 15-jährige Majid träumt von einer Arbeit mit Computern. „IT-Manager“, sagt er und zeigt sein großes, warmherziges Lächeln. Seit einem halben Jahr ist er in Deutschland und spricht so gut Deutsch, dass er die Geschichte seiner Flucht in der neuen Sprache erzählen mag und kann.

Er setzt sich auf das weiße Wohnzimmersofa und die Worte fließen aus ihm heraus. Der Junge erzählt von seinem Vater, der ein Transportunternehmen hatte und in Afghanistan auch für die US-amerikanischen Streitkräfte fuhr. Er lieferte Baumaterial, damit Schulen und Krankenhäuser wieder aufgebaut werden konnten. „Ich saß mit meinem Papa in einem Lkw, als uns Taliban herausholten“, erzählt Majid, teilweise übersetzt Dolmetscher Hosain Farhschi (57). „Mein Papa und ich bekamen Augenbinden. Ich hatte viel Angst.“ Sie seien keine Moslems, behaupteten die Geiselnehmer und sperrten Vater und Sohn in einen winzigen Raum. „Im Morgengrauen nahm mein Papa meine Hand und sagte: Du musst fliehen.“ Er half seinem Kind durch ein hohes, winziges Fenster und der Junge schaffte es unbemerkt auf einem Lkw bis zu seinem Onkel. Von der vierstündigen Fahrt kann er noch erzählen, und dass seine Mama tot ist. . .

Dann ist der Junge — der vorher gekocht, erzählt, gelacht hat — plötzlich innerlich weg. An seiner Stelle scheint nur noch eine Hülle auf dem Sofa zu sitzen. Er spricht nicht mehr. Bewegt sich nicht.

Weint nicht. Reagiert nicht. Beklemmend still wird es in dem Raum. Lange. Auch auf sanfte Worte des Dolmetschers antwortet er nicht. Wie soll man das beschreiben? Es hat ihm den Boden unter den Füßen weggezogen? Er ist in ein schwarzes Loch gestürzt? Die Traurigkeit hat ihn übermannt? Alle Worten sind zu schwach, zu wenig, um das Trauma dieses Kindes zu beschreiben.

Später erzählt Berghahn, dass man nicht immer sofort erkennt, welcher der Jugendlichen auch psychologische Hilfe braucht. Manche Jungs können nicht schlafen, wenn es dunkel wird, oder haben Alpträume, andere erzählen irgendwann — oder auch nie. Als später das Essen aufgetragen wird, sitzt Majid mit am Tisch. Er spricht wieder, erzählt vom Boxen im Sportverein, von „sehr freundlichen“

Lübeckern und von seiner WG. „Es ist gut hier“, sagt er und sein Lachen verrät, wie gut — auch wenn es immer wieder diese dunklen Momente in seinem Leben gibt.

Heimat bei der Diakonie
Jugendliche Flüchtlinge, die ohne Eltern und meist ganz allein bis nach Lübeck gekommen sind, werden von der Vorwerker Diakonie aufgenommen. Sie bekommen eine sichere Unterkunft und die notwendigsten Dinge zum Leben. Außerdem regeln die Mitarbeiter der Inobhutnahme gemeinsam mit dem Jugendamt die Behördenangelegenheiten. Alles, was über diese Erst- und Grundversorgung hinausgeht, kann jedoch nur dank Spenden realisiert werden. Dazu gehören Dinge wie Nachttischlampen, Regale oder kleine Sofas. Sie helfen, dass sich die Jugendlichen ein bisschen mehr zu Hause fühlen können.

Cosima Künzel

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