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Integration gelingt durch Sprache

Soziales Integration gelingt durch Sprache

An der Kreisvolkshochschule in Grevesmühlen lernen Asylbewerber Deutsch.

Grevesmühlen. Konzentriert blicken die Syrer zur Tafel im Klassenraum, auf die Jalil Khalil deutsche Vokabeln schreibt. „Brötchen, Kätzchen, Mädchen — Wörter, die auf ,chen‘ enden, haben oft den Artikel ,das‘“, erklärt der Lehrer.

Menyar Bade aus Damaskus notiert sich alles in seinem Notizheft. „Ich möchte das so schnell wie möglich lernen“, sagt er. „Ich mag die Sprache, aber die Grammatik ist schwierig.“ Seit knapp zwei Monaten besucht der 29-Jährige einen der beiden Einstiegskurse für Asylbewerber an der Kreisvolkshochschule.

„Meine Schüler haben alle ein Ziel, möchten ihr Studium fortsetzen und arbeiten“, sagt Jalil Khalil, der vor mehr als zehn Jahren mit seiner Familie aus dem Irak gekommen ist. Bereits in seinem Heimatland hat er nach dem Germanistikstudium als Dolmetscher gearbeitet „Integration gelingt durch Sprache“, weiß der 50-Jährige.

Auch Menyar Bade hat feste Ziele: „Ich möchte eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolvieren.“ Dafür nimmt der 29-Jährige fünfmal wöchentlich am Unterricht teil. Anschließend lernt er allein weiter — drei bis vier Stunden täglich. Doch nicht nur der Unterricht, auch der direkte Kontakt zur deutschen Bevölkerung sei ihm wichtig. „Die Grevesmühlener sind nett, aber es ist schwierig, Freunde zu finden“, sagt er. „Wenn ich die Sprache beherrsche, wird das einfacher.“

Zahia Adjamie kann sich bereits gut verständigen. „Mein Mann hat in Nordrhein-Westfalen gearbeitet“, sagt die 55-Jährige. „Wir haben in Aachen geheiratet und unsere Tochter ist hier geboren.“ Als die Eltern ihres Mannes erkrankten, zog die Familie zurück nach Syrien. „Dort hat sich alles verändert. Alles ist kaputt. Wir hatten kein Haus, kein Geld, keine Perspektive und mussten in den letzten Monaten in Angst leben.“ Anfang September flüchtete sie daher mit zehn Bekannten und Verwandten von Aleppo über den Libanon in die Türkei. In einem Boot ging es nach Griechenland und von dort weiter über Österreich nach Hamburg. Seit knapp zwei Monaten leben die Syrer nun in Grevesmühlen. „Ich liebe Deutschland“, sagt die gelernte Friseurin. „Ich hoffe, wir dürfen hier bleiben. Ich möchte wieder als Friseurin arbeiten. Oder als Dolmetscherin.“

Davon werden zukünftig wohl auch mehr gebraucht. „Unsere beiden Einstiegskurse sind mit insgesamt 40 Plätzen für Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, dem Irak und Iran voll ausgelastet“, sagt Roland Hollmann, Leiter der Kreisvolkshochschule. „Diejenigen, die einen Aufenthaltstitel haben, können später am Integrationskurs teilnehmen.“ Dieser werde für Ausländer aller Länder angeboten und finde auf dem Sprachlevel „B1“ statt. Das Bestehen dieses Kurses ist Voraussetzung für einen Einbürgerungstest.

Der Einstiegskurs wird auf dem niedrigsten Sprachlevel „A1“ angeboten. In den ersten Stunden standen hier zunächst das Alphabet und die richtige Aussprache der Buchstaben auf dem Stundenplan. „Viele Umlaute sind schwierig für die arabische Zunge“, erklärt der Deutschlehrer. „Diese Übungen müssen immer wieder wiederholt werden.“ Nachdem die Grundlagen geschaffen wurden, lernten die Schüler einzelne Wörter und Personalpronomen. In der zweiten Woche ging es darum, sich vorzustellen. „Dafür müssen die Schüler auch verstehen, bis zu welcher Uhrzeit man hier ,Guten Morgen‘ sagen kann und ab wann man eher einen ,Guten Tag‘ wünscht.“

In der heutigen Deutschstunde haben die Asylbewerber auch über das vermeintliche Lieblingsthema der Deutschen — das Wetter — gesprochen. „Es ist kalt, aber es regnet nicht“, sagt Bade. „Der Himmel ist blau.“ Sein Sitznachbar lacht. „Der ist doch grau“, meint Mahmud Fando. Die beiden einigen sich auf blau-grau. „Vielleicht gibt es bald Schnee“, meint Bade und blickt aus dem Fenster.

„Meine Frau baut gern Schneemänner. Sie ist in Syrien. Hoffentlich können sie und unser Sohn bald zu mir.“

Katharina Ahlers

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