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Straßenfest statt Besinnlichkeit

LN SERIE Straßenfest statt Besinnlichkeit

Es ist Weihnachten in Vietnam. Doch statt besinnlicher Stimmung und festlichem Essen gibt es Kitsch und Kommerz. Die Stadt ist voll, es wird gefeiert und getanzt. Alles ist ganz anders als in der Heimat. Doch wenn Freunde und Familie weit weg sind, ist der Trubel eine willkommene Ablenkung.

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Mit Lanh Doan, die in einem Hostel arbeitet, verbringt Luisa Rische den Weihnachtsabend fern der Heimat. Die Vietnamesin zeigt ihr, wie man Reispfannkuchen zubereitet.

Quelle: Fotos: Luisa Rische

Hoi An. Der Regen prasselt auf das Blechdach der Straßenküche. Grau in grau. Genau wie meine Stimmung. Ich ziehe mir die Regenjacke über den Kopf, die Regenhose klebt in einer Mischung aus Wasser und Schweiß

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Es ist Weihnachten in Vietnam. Doch statt besinnlicher Stimmung und festlichem Essen gibt es Kitsch und Kommerz. Die Stadt ist voll, es wird gefeiert und getanzt. Alles ist ganz anders als in der Heimat. Doch wenn Freunde und Familie weit weg sind, ist der Trubel eine willkommene Ablenkung.

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LUISA RADELT

Die 28-jährige Lübeckerin

Luisa Rische reist zwei Jahre lang allein mit ihrem Fahrrad „Anton“ um die Welt.

In unregelmäßigen Abständen berichtet sie in den LN von

ihren Erlebnissen.

an den Oberschenkeln. Ich lasse mich auf den roten Plastikstuhl sinken, der nicht höher ist als meine Knie. Es ist 9.38 Uhr. Frühstück. Irgendwo im Nirgendwo in Vietnam. Einen Tag vor Weihnachten.

Die Tränen schießen mir in die Augen, bevor ich sie aufhalten kann. Florian schaut hilflos zur Seite.

Seit zwei Wochen bin ich in Vietnam, seit zwei Wochen ist der Himmel grau, seit zwei Wochen begleitet mich Florian, ein Freund aus Eschwege. Wir haben die Hauptstadt Vietnams mit dem Motorroller erkundet, haben uns durch die traditionelle Küche gekostet und bei Familien übernachtet. Wir haben uns mit den Rädern durch Smog und dauerhupende Lastwagen gekämpft, sind durch verlassene Bergwelten gefahren, an buddhistischen Tempeln und tief im Wasser stehenden Reisfeldern vorbei. Wir haben ein Dutzend Radreisende getroffen, aus Belgien, Deutschland, Japan, Korea, Frankreich, 20 oder 70 Jahre alt. Weihnachten war nie ein Thema. Ich dachte, es wäre mir egal.

Dabei ist Weihnachten in allen Städten omnipräsent. Weihnachtsbäume aus grünen Plastikflaschen und Bananen, kitschige Krippenspiele, Weihnachtsmänner und Merry-Christmas-Schriftzüge haben uns stets auf unserem Weg von Hanoi nach Hoi An begleitet. In Weihnachtsstimmung bin ich nie gekommen. Ohne Kerzen, ohne Mutzen, ohne Weihnachtslieder, ohne Winter, ohne Freunde fehlt alles, was Weihnachten für mich ausmacht.

Als mich in dieser Straßenküche, auf diesem roten Plastikstuhl, nass von Schweiß und Regen die Gefühle überrollen, hat das Selbstbelügen ein Ende. So will ich Weihnachten nicht verbringen: irgendwo im Wald, im kalten Zelt, ohne festliches Essen, im Regen, ohne Internetverbindung nach Hause. Als die Nudelsuppe verschwunden und die Tränen getrocknet sind, brechen wir auf. Zurück nach Hoi An, zurück in die Stadt, deren Name laut Wikipedia friedvoller Versammlungsort bedeutet.

Der einst größte Hafen Asiens in Zentralvietnam ist heute überflutet von Touristen statt Handelsschiffen. Doch Hoi An, dessen historische Altstadt von den Bomben des Vietnamkriegs verschont geblieben ist, ist für mich in diesem Moment die reizvollste Stadt dieses Landes. Rote und grüne Lampions erleuchten die zweistöckigen Altstadthäuser in der Dunkelheit, strahlen eine wohlige Atmosphäre aus;

die schmalen Gassen sind abends vom Verkehr befreit, vietnamesische und internationale Küchen in allen Preisklassen verwöhnen den Gaumen.

Als wir Heiligabend in die Stadt zurückkehren, bereiten sich alle auf den großen Abend vor: Straßenhändler verkaufen Luftballons, die aussehen wie Weihnachtsmänner, und Weihnachtskostüme für Kinder.

Weil unsere vorige Gastgeberin Chloe aus Frankreich schon wieder zwei andere Radfahrer beherbergt, quartieren wir uns im Hostel ein. Anschließend schlendere ich durch die Stadt und lande zufällig an der katholischen Kirche, in der nur Minuten zuvor der internationale Gottesdienst begonnen hat. 50 oder 60 Menschen aus Vietnam und der Welt lauschen den Worten des philippinischen Pfarrers.

Besinnliche Stimmung will im Rauschen der überschreienden Stimme, im Knacken des Mikrofons und in dem von draußen hereindrängenden Verkehrslärm nicht aufkommen.

Weihnachten aber hat in Vietnam nichts mit Besinnlichkeit zu tun. 80 Prozent der Vietnamesen bekennen sich nicht zu einer einzigen Religion, es gibt keine strikte Trennung von Konfessionen oder Lehren. Taoismus und Konfuzianismus haben im Leben eines Vietnamesen genauso Platz wie Buddhismus und Hinduismus. Überraschend ist eher, dass sich sieben Millionen Vietnamesen zum Christentum bekennen, die Weihnachten besinnlich in der Familie feiern. Die Kinder stellten am Heiligabend ihre Schuhe vor die Tür, um am nächsten Morgen Geschenke darin zu finden. Für alle anderen ist Weihnachten ein großes Straßenfest. Kitsch und Kommerz statt Kerzen und Gedichte.

Im Hostel gibt es Fleischspieße, Reispfannkuchen, Brote und Melone. Mexikaner, Österreicher und Hawaiianer erzählen, wie sie Weihnachten feiern. Dann ziehen wir in die Stadt. Die Straßen quellen über von Menschen; es ist ungewöhnlich warm, alle sind in kurzer Hose und T-Shirt, Strohhut und Sandalen unterwegs. Auf der anderen Seite des Flusses legt ein DJ auf, unter Palmen am Ufer spielen sieben junge Vietnamesen traditionelle Musik. An der Kirche ist um 21 Uhr deutlich mehr los als am Nachmittag. Vor dem Gotteshaus steht eine Bühne mit Leinwand. Als Engel verkleidete Kinder und Erwachsene tanzen bei wechselndem Licht und Leinwandkerzen über die Bühne. Maria, Josef, das Jesuskind, Gabriel. Alle sind mit dabei. Davor drängeln sich hunderte, wenn nicht tausende Menschen. Für viele ist die Aufführung der Weihnachtsgeschichte in erster Linie ein schrilles Unterhaltungsspektakel.

Weihnachten in Vietnam ist nicht Weihnachten in Deutschland. Wer das versteht, kann ein außergewöhnliches Weihnachtsfest in dem asiatischen Land erleben. Mir helfen die vielen Menschen, die ausgelassene Stimmung auf den Straßen, der kitschige Festtagsschmuck, mich davon abzulenken, was mir an diesem Tag fehlt: meine Freunde, mit denen ich die vergangenen Weihnachten verbracht habe. Ich vermisse sie immer, aber an diesem Tag ganz besonders. Diese Distanz kann auch Facebook nicht auflösen. Per Videobotschaft und Skype versuchen wir es zumindest. In diesem Sinn wünsche ich allen einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Von Luisa Rische

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