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Die Chirurgie soll familienfreundlich werden

Lübeck Die Chirurgie soll familienfreundlich werden

An der Lübecker Uniklinik für Allgemeine Chirurgie werden in einem Forschungsprojekt neue Strukturen etabliert, um den Anteil von Ärztinnen weiter nachhaltig zu erhöhen.

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Prof. Tobias Keck (r.), Direktor der Klinik für Allgemeine Chirurgie, hat OP-Koordinatorin Kirsten Reimer (v. l.), Soziologin Sarah Prediger, Politikwissenschaftlerin Wiebke Zweig sowie Ärztin Dr. Stefanie Schierholz zu einer Teambesprechung in den OP-Bereich gebeten.

Quelle: Wolfgang Maxwitat

Lübeck. Seine Klinik ist eine der größten Kliniken auf dem Lübecker Uni-Campus, und zum 43-köpfigen ärztlichen Team von Professor Tobias Keck gehören immerhin schon 19 Kolleginnen. Und dies, obwohl der Arbeitsplatz in der Chirurgie als einer gilt, in welchem Beruf und Familie am schwierigsten zu vereinbaren sind. „Deshalb ist es an der Zeit, weiterhin etwas an diesen Rahmenbedingungen zu ändern“, sagt der Klinikchef, selbst Vater von vier Kindern. Schließlich seien inzwischen 70 Prozent der Medizin-Studienstarter in Lübeck weiblich. „Zudem habe ich bei den Bewerbungen um Weiterbildungsstellen inzwischen ein Verhältnis von Frauen zu Männern, das bei fünf zu eins liegt“, erklärt Keck.

Tatenlosigkeit ist nicht sein Ding. Deshalb hat er an seiner Klinik das Projekt „FamSurg“ (Family and Surgery, also „Familie und Chirurgie“) befördert. Dieses Vorhaben zur Förderung von Frauen und familienfreundlichen Strukturen in der Chirurgie, das mit Bundesmitteln unterstützt wird, ist nun in seine zweite Förderphase getreten. „Wir haben unsere Erhebungen abgeschlossen und daraus Maßnahmen erarbeitet, die jetzt umgesetzt werden sollen und die wir bundesweit streuen wollen“, erklärt Politikwissenschaftlerin Wiebke Zweig. Erst vor Kurzem habe man die Ergebnisse dieses Leuchtturmprojektes beim Hartmannbund in Berlin vorgestellt. Neben Zweig gehören noch Soziologin Sarah Prediger sowie Chirurgin Dr. Stefanie Schierholz zum Steuerungsteam.

Es gebe mehrere Aspekte, die es erschweren, den Arbeitsalltag mit Familienpflichten zu vereinbaren, erklärt Schierholz. „Das beginnt schon damit, dass man sein Kind bereits ab 7 Uhr untergebracht haben muss, weil wir einen frühen Arbeitsbeginn haben“, berichtet die 32-jährige Stationsärztin. Um 7 Uhr treffe man sich bereits auf Station; „OP-Beginn ist dann um 8 Uhr.“ Neben der täglichen Routine gehören Nacht- und Wochenenddienste zum regelmäßigen Arbeitspensum; bei Notfällen oder länger dauernden Operationen ist Flexibilität und Verlässlichkeit wichtig.

„Glücklicherweise gibt es bei uns auf dem Campus die Kita Unizwerge, die mit ihren großzügigen Betreuungszeiten viel Flexibilität erlaubt“, merkt sie an.

„Wichtige Punkte, die alle Mitarbeiter unabhängig vom Geschlecht bewegen, sind die Weiterbildung und damit ein Fortkommen in der Karriereplanung“, erläutert der Klinikdirektor. Damit gehe bei Assistenzärztinnen die Möglichkeit einher, dass man auch in der Schwangerschaft operieren könne. „Wir wissen aus bundesweiten Erhebungen, dass dies ein schwieriges Thema ist, das viele Frauen in den chirurgischen Fächern betrifft. Denn die Mitarbeiterinnen können in der Zeit einer Schwangerschaft einen großen Teil ihrer Weiterbildung — nämlich die im OP-Saal — nicht erfahren.“ Daher arbeite man derzeit gemeinsam mit dem Betriebsärztlichen Dienst an einem Konzept, um Voraussetzungen schaffen zu können, unter denen schwangere Mitarbeiterinnen in der individuellen Gefährdungsbeurteilung Patienten operieren dürfen.

Keck betont aber auch, dass die Herausforderung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zunehmend auch Männer betreffe. „Ich habe das gerade bei einem Kongress am Wochenende gesehen, dass sich 60 Prozent der Kollegen eine Elternzeit wünschen“, stellt er fest.

Entsprechend würde das Konzept einer familienfreundlichen Klinik auf alle ausstrahlen.

Lübeck, Hamburg und Leipzig forschen gemeinsam
Hintergrund des vom Bund geförderten Forschungsvorhabens ist, dass der Anteil von Frauen in der Chirurgie mit 19 Prozent zu gering ist. Themenbereiche sind Weiterbildung, Karriere-Entwicklung, Schwangerschaft, Kinderbetreuung und Arbeitszeitmodelle.
Neben der Uniklinik für Allgemeine Chirurgie sind noch das Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf sowie das Zentrum für Frauen und Geschlechterforschung der Universität Leipzig an dem Forschungsprojekt beteiligt.

Michael Hollinde

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