Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Drittes Geschlecht: Kinderklinik bietet Spezialsprechstunde an

Lübeck Drittes Geschlecht: Kinderklinik bietet Spezialsprechstunde an

Laut Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist der Eintrag eines dritten Geschlechts im Geburtenregister möglich. Schließlich kann man bundesweit bei zirka 160 Neugeborenen pro Jahr nicht eindeutig sagen, ob Junge oder Mädchen. Die Uni-Kinderklinik bietet für Betroffene eine Spezialsprechstunde an.

Voriger Artikel
Die besten Forscher und Lehrer
Nächster Artikel
Lübecks Baukanzlerin geht

In interdisziplinärer Runde werden die Fälle aus der Sprechstunde „Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung“ an der Unikinderklinik besprochen (v. l.): Psychologin Louise Marshall, Kinderärztin Dr. Wiebke Birnbaum, Prof. Lutz Wünsch, Prof. Olaf Hiort und Koordinatorin Renate Wagner.

Quelle: Roessler

Lübeck. Prof. Olaf Hiort kennt die Ratlosigkeit, die Ohnmacht, die Sorgenschwere. „Schließlich ist die Frage nach dem Geschlecht üblicherweise schnell zu beantworten“, sagt der Leiter des Hormonzentrums für Kinder- und Jugendliche an der Lübecker Uni-Kinderklinik. Aber zwei bis dreimal pro Woche sitzen Eltern vor ihm, die ein Kind haben, bei dem diese Zuordnung nicht eindeutig feststeht.

„Da hat sich dann zum Beispiel wegen der Unbestimmtheit ein Geistlicher geweigert, eine Taufe vorzunehmen“, weiß Hiort aus den Gesprächen. Es komme aber auch vor, „dass ein ,Mädchen‘ erst im Jugendalter zu uns kommt, weil bis dahin nichts Besonderes aufgefallen ist. Aber auf einmal bleibt die Menstruation in der Pubertät aus.“

Seine Klinik bietet als eine von sehr wenigen Kliniken in Deutschland eine „DSD-Spezialsprechstunde“ an; DSD steht dabei für „Disorders of Sex Development“, übersetzt „Besonderheiten der Geschlechtsentwicklung“. Schließlich ist die Vorstellung, dass sich alle Menschen automatisch in zwei Geschlechter einteilen lassen, wissenschaftlich schon lange veraltet. Die Häufigkeit, eine mehr oder weniger schwerwiegende Auffälligkeit des Genitals zu haben, liegt bei ungefähr 1 zu 500; eine wirkliche Uneindeutigkeit des Genitals ist aber sehr viel seltener.

„Die Ursachen dafür sind entweder hormonell oder chromosomal bedingt, und es gibt mehr als 100 verschiedene Diagnosen, also Erscheinungsformen“, erklärt Hiort. Die Frau trägt in ihrem Erbgut die Geschlechtschromosomen XX, der Mann hingegen XY. Daneben werden im Hoden und in den Eierstöcken die Sexualhormone gebildet. Erschwerend kommt hinzu, dass manche genbedingten „Varianten“ von Intersexualität nicht an den äußeren Geschlechtsorganen abgelesen werden können.

„Eine richtige Diagnose ist also oft nur möglich, wenn Hormone und Gene in einer Blutuntersuchung bestimmt werden“, erläutert der Experte. Dann würden betroffene Eltern erstmal über die biologischen Hintergründe aufgeklärt. Schließlich sei es nicht selten, dass Familien „völlig kopflos“ seien und „erzählen, dass sie noch nie davon gehört hätten“.

Denn in den seltensten Fällen erfahren die Eltern schon vor der Geburt von der Besonderheit der Geschlechtsentwicklung ihres Kindes. Eine klinische Studie zeigt, dass bei zwei Dritteln aller Teilnehmenden der erste Verdacht nach der Entbindung aufkam. Bei einem Viertel sogar noch später.

Die Beratung in der DSD-Spezialsprechstunde – die viel Gesprächsruhe erfordere – kann drei bis vier Stunden dauern oder sich auch mehrteilig über zwei Tage erstrecken, wie es Olaf Hiort berichtet.

Und an den Fragestellungen sind viele Spezialisten des UKSH beteiligt, wie zum Beispiel die Kinderchirurgie, Urologie und Gynäkologie. „Und insbesondere die psychologische Betreuung ist ein sehr wichtiger Punkt für uns“, merkt der Fachmann an. Er glaubt, dass durch das BVG-Urteil mehr Akzeptanz für das Problemfeld in der Gesellschaft geschaffen werde.

So unterschiedlich die Ursachen sind, so vielfältig ist auch die Herangehensweise an Zeitpunkt und Art der Korrektur der untypischen Geschlechtsentwicklung. Als medizinische Behandlungsmöglichkeiten bietet sich eine Hormontherapie ebenso an wie eine Operation. Häufig werden auch beide Therapien miteinander kombiniert. „Hormone können den Körper schließlich so modellieren wie einen Tonklotz“, so Hiort.

Momentan werde allerdings auf europäischer Ebene darüber diskutiert, ob man es Eltern untersagen solle, ihre intersexuellen Kinder operativen Korrekturen auszusetzen. „In einer Resolution des Europarates steht, dass jeder Mensch darüber selbst bestimmen sollte“, erläutert Hiort. Dieser Vorschlag sorge für viel Unruhe. Dabei verweist er auf eine europaweite Umfrage, an der über 1000 betroffene Menschen aus sechs verschiedenen Ländern teilgenommen haben. Ergebnis: Nur zwölf von über 1000 haben sich nicht eindeutig als Mann oder Frau einordnen wollen.

Podiumsdiskussion und Eröffnung der Ausstellung „Trans* in der Arbeitswelt“

Ihren zweiten „Abend der Vielfalt“ veranstaltet die Universität zu Lübeck morgen. Ab 18 Uhr wird im Gebäude 66 (CBBM) die Ausstellung „Trans* in der Arbeitswelt“ mit einer Podiumsdiskussion eröffnet. Mit dem Abend der Vielfalt wendet sich die Hochschule an Studierende, Mitarbeiter und alle interessierten Bürger der Stadt. Sie möchte damit für die Vielfalt unserer Gesellschaft und in diesem Jahr besonders für das Thema Transidentität sensibilisieren.

Auf dem Podium diskutieren die Lübecker Pröpstin Petra Kallies, Johanna Hotanen vom „Netzwerk lesbischer, schwuler, bisexueller und transgender Jugendlicher Lambda Nord“ und Prof.

Lisa Malich, Professorin für die Wissensgeschichte der Psychologie am Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität. Es moderiert Dr. Jonathan Kohlrausch, Referent für Chancengleichheit der Universität.

„Trans*“ ist als Oberbegriff für transgeschlechtlich, transgender, transsexuell, transident et cetera zu verstehen und schließt alle Menschen ein, die sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren. Das „*“ steht für eine Vielzahl von Geschlechtsidentitäten. Im Rahmen des Abends der Vielfalt wird die Wanderausstellung „Trans* in der Arbeitswelt“ eröffnet. Sie ist bis zum 15. Dezember im CBBM jeweils von 9 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

 Michael Hollinde

Voriger Artikel
Nächster Artikel
50 Dinge, die man als Student in Lübeck gemacht haben sollte
Wir haben unsere Campus-Blogger und die Lübecker Studierenden gefragt, was man während des Studiums in Lübeck unbedingt gemacht haben sollte.

Wir haben unsere Campus-Blogger und die Lübecker Studierenden gefragt, was man während des Studiums in Lübeck unbedingt gemacht haben sollte.

Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. Klicken Sie hier, um die Galerie für den Dezember 2017 zu sehen!

Lübeck zahlt Studenten künftig 100 Euro Begrüßungsgeld. Eine gute Idee?

  • Hochzeitszauber
    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informationen und kompetente Ansprechpartner in und um Lübeck für Ihre Traumhochzeit.

    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informat... mehr

  • Reisetipps
    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber.

    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber. mehr

  • Events & Veranstaltungen
    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe.

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Lifestyle

    Unser Lifestyle-Portal mit nützlichen News und Tipps: Informieren Sie sich über Mode, Beauty und aktuelle Trends. Mehr Schwung, mehr Spaß... mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Kommentar

Bissig, polemisch, kontrovers: Kommentare aus den LN.

Sonntagsreden

Von Börse bis Fußballplatz - Blogs unserer "Edelfedern".

TV-Vorschau

Unsere Kolumne zeigt, wo sich das Einschalten lohnt.

Die moderne Frau

Sabine Latzel über Beruf, Familie, Haustiere, Haushalt.

Moin Welt!

Blogs von jungen Nordlichtern, die es in die Welt zieht.

Kreuzwort

Auch online wartet täglich ein neues Rätsel auf Sie. Jetzt rätseln!

Sudoku

Bleiben Sie geistig aktiv – mit japanischem Gehirnjogging.