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Mit der Datenbrille am Krankenbett

St. Jürgen Mit der Datenbrille am Krankenbett

Ein Forschungsteam der Uni untersucht, wie Google Glass Pflegekräfte bei ihrer Arbeit unterstützen kann – Einführung ist bisher eine Vision.

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Sie erforschen, inwiefern die brillenartigen Miniaturcomputer Auszubildenden in Pflegeberufen von Nutzen sein können: (v. l.) Pflegepädagogin Katrin Balzer und die Medieninformatiker Nicole Jochems und Jan Kopetz.

Quelle: Fotos: Felix König, Dpa

St. Jürgen. Noch ist es eine Vision. Doch bald schon könnte Google Glass zu einem alltäglichen Hilfsmittel von Pflegekräften an Kliniken und in Arztpraxen werden. Die brillenähnliche Konstruktion im Gesicht kann im Grunde alles, was auch ein Smartphone kann: Informationen in Text und Bild abrufen, den eigenen Standort bestimmen, mit einem Augenzwinkern Fotos schießen oder Videos drehen. Ein kleines Glasprisma blendet die Informationen in das Sichtfeld des Benutzers ein. Dabei wird nur ein kleiner Teil des Auges abgedeckt. Der Computerbildschirm wird in die reale Welt ein- und ausgeblendet. Von Vorteil ist dabei vor allem eines: Die Hände bleiben frei, die Informationen schweben direkt vor dem Auge.

Das könnte gerade für Pflegepersonal von Nutzen sein. Wo genau setzt man eine Injektion, wo befindet sich die Vene? Wie hebt man bettlägerige Patienten in einen Rollstuhl? Welche Medikamente braucht der Patient, und wie oft? Was bislang umständliches Nachschlagen in Krankenakten, Lehrwerken oder lange Gänge über den Krankenhausflur zum Chefarzt bedeutet, wäre durch den winzigen Computer vor dem Augapfel durch eine kurze Bewegung mit einem Finger am Sensor oder einem kurzen Zwinkern sofort verfügbar.

„Das könnte vor allem jungen Pflegekräften während der Ausbildung dabei helfen, sicher zu handeln“, sagt Medieninformatikerin Nicole Jochems von der Universität zu Lübeck. Zusätzlich könnten Pflegekräfte ihre eigene Arbeit fotografisch oder filmisch begleiten, um sich danach Feedback zu holen. Doch auch für Patienten sei die Brille ein Gewinn. Mit der Technik der Zukunft könnten sie mit einer App Pflegepersonal anfordern, und zugleich sofort die Information erhalten, ab wann sich jemand um sie kümmert. „Oft sind Patienten angespannt, weil sie nicht wissen: Kommt jetzt jemand, der sich um mich kümmert?“, so Jochems.

Vor einem Jahr startete die Wissenschaftlerin deshalb gemeinsam mit der Pflegepädagogin Katrin Balzer und Studenten der Fächer Medieninformatik und Pflege ein Pilotprojekt. „Wir testen, inwiefern sich die Brille in der Ausbildung zum Kinder- oder Altenpfleger bewährt“, erklärt Balzer. Erste Ergebnisse der Studie zeigen: Die Studenten und Auszubildenden fühlten sich mit der Brille viel sicherer im Umgang mit den Patienten. Der erste Praxistest fand allerdings noch nicht im realen Klinikalltag statt. Eine Gruppe von Pflegestudenten übte zunächst mit Schauspielpatienten im Labor. Die Aufgabe war immer dieselbe: einen Patienten vom Krankenbett aus in einen Rollstuhl heben.

Die Datenbrille auf der Nase lieferte dabei wertvolle Tipps und Anleitungen. Etwa, dass die Bremsen des Rollstuhls angezogen werden müssen. Oder wie ein kräfteschonender Bewegungsablauf funktioniert.

Oder auch, in welchen Momenten der Patient – sofern möglich – mit eigener Kraft mithelfen kann. „Das ist eine sehr anspruchsvolle Arbeit“, sagt Pflegepädagogin Balzer. Die Brille helfe Berufsanfängern, Routine zu entwickeln und Unsicherheiten vorzubeugen. Im Alltag könne oftmals nicht jedes Mal das erfahrene Personal um Hilfe gebeten werden.

Um den Schutz sensibler Daten aus der Krankenakte müsse man sich dabei keine Sorgen machen, sagt Medieninformatiker Jan Kopetz. Der 28-Jährige begleitet das Projekt aus technischer Sicht, schreibt die Software und entwickelt die Anleitungen für die Google-Glass-Brille mit. Google biete zwar die Brille, nicht jedoch die klinikinterne Software.

Allzu bald werden die Datenbrillen jedoch nicht Einzug in den Krankenhäusern und Arztpraxen halten. „Die fehlende Akzeptanz ist eine Herausforderung“, sagt Jochems. Junge Kollegen sind mit dem digitalen Wandel aufgewachsen. Wie aber reagieren ältere Mitarbeiter und Patienten auf die moderne Technik im Krankenzimmer?

All das wollen die Wissenschaftler in weiteren Studien herausfinden. Das Team ist sich jedoch sicher: Die Technik wird den Klinikalltag revolutionieren.

Meilenstein oder Datenklau?

Den Mini-Computer in Brillenform hat der Internet-Riese Google 2012 auf den Markt gebracht. Während Google Glass für IT-Experten einen technischen Meilenstein darstellt, erkennen Datenschützer darin weitreichende Konsequenzen für die Privatsphäre des Nutzers und die Menschen in seiner Umgebung. Die Brille ist in der Lage, unauffällig die Umgebung des Trägers auszuspähen und die Aufzeichnungen der Nutzer auf Google-eigene Server übertragen. Deshalb entwickeln Wissenschaftler jetzt eigene Software, um die praktische Hardware im Medizin- und Pflegekontext nutzen zu können.

Saskia Bücker

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