ln-online/lokales vom 20.08.2005 01:00
Bismarck noch krank - aber Brandenburgs Jörg Schönbohm kam nach Kuddewörde
Warm war es im Gemeindesaal von Kuddewörde. Und als Jörg Schönbohm (67) gewissermaßen auf Betriebstemperatur kam, warf er kurzerhand sein Sommerjackett ab, löste den Schlips. Dieser Auftritt war sein einziger in Schleswig-Holstein.Kuddewörde - Für Jörg Schönbohms CDU-Parteifreunde im Norden muss er schon wie ein alter Bekannter wirken. Erst im Februar war Brandenburgs Innenminister im Lauenburgischen gewesen, in Büchen, kurz vor der Landtagswahl. Diesmal wirkt er verhaltener. Aber es fehlt ihm auch einer, um dessen Wahlerfolg es eigentlich geht am vergangenen Donnerstag im Gemeindehaus von Kuddewörde: Carl-Eduard von Bismarck.
Sein Rückenleiden wirft den Bundestagskandidaten der Union für Stormarn-Süd und das Lauenburgische im Wahlkampf immer noch zurück. Erst kommenden Mittwoch soll der Graf gemeinsam mit Landesvater Peter Harry Carstensen bei Pflaumenkuchen im Ahrensburger Restaurant Strehl die Wähler aufklären, warum Deutschland den Wechsel zu einer CDU-Regierung braucht.
Allein die Flasche Bismarck-Korn, den die Kuddewörder Gastgeber dem brandenburgischen Wahlhelfer Schönbohm als Dankeschön für seinen Auftritt überreichen, sie erinnert an den Grafen. Doch die Menschen unter den gebogenen Balken im Gemeindehaus scheinen ohnehin überzeugt von der Notwendigkeit eines Regierungswechsels.
Allerdings spürt Jörg Schönbohm wie kaum ein anderer in der Union den aufkommenden Stimmungsumschwung, hat er doch selbst mit seinen Äußerung zur Proletarisierung des Ostens nach der mehrfachen Kindstötung einer brandenburgischen Mutter viele Ostwähler gegen sich aufgebracht. Seine Beliebtheit an der Basis dort sei rapide gesunken, heißt es nach neuesten Meldungen. Die lauenburgische Basis aber hält sich mit Fragen danach vornehm zurück, Leute wie der Landtagsabgeordnete Niclas Herbst aus Ratzeburg, der stellvertretende Kreisvorsitzende Klaus-Peter Reimers und Christoph Beckmann sprechen ihn nicht auf das Thema an. So gewinnt Schönbohm an diesem Abend zusehends an Schwung, an Selbstbewusstsein.
"Schröder", warnt der Ex-General, "hat die Trickkiste noch nicht aufgemacht." Es gehe jetzt um Deutschland, nicht um Ost oder West, Nord oder Süd.
Seine Botschaft freilich ist ähnlich wie vor einem halben Jahr in Büchen. Im hellen Sommeranzug steht er da. Sein Lieblingsthema "DNA-Analyse" und ihre Vorteile immer wieder beschwörend, kommt er zu dem Schluss: "Ohne Sicherheit gibt es keine Freiheit. Dazu brauchen wir einen starken, aktiven Rechtsstaat."
Er hat lange geredet, jetzt wirft er das Jackett über den Stuhl, löst den Binder. Jetzt kommt die Abrechnung mit dem Kanzler, mit Otto Schily, mit Joschka Fischer. Und die Rückenstärkung für Angela Merkel. "Die soll sich von den Männern nicht in die Ecke stellen lassen. Ich stehe voll hinter ihr." So wie er im vergangen Wahlkampf hinter Stoiber gestanden habe. Schily kneife, wenn es darauf ankommt, der so genannte Vollmer-Erlass stehe für die Haltung der Grünen überhaupt.
Dagegen würden durch die Polizeigesetze in den unionsregierten Ländern mit "verdachtsunabhängigen Kontrollen auf Autobahnen" viele Schmuggler erwischt werden. Videokontrollen in Brandenburg hätten die Kriminalität mancherorts deutlich reduziert. "50 Prozent weniger Handtaschenraub bedeuteten eben auch 50 Prozent mehr glückliche Menschen", versucht sich Schönbohm in Prozentrechnung. Sein Fazit: "Klare Repressionen und klare Vorbeugung".
Ebenso wirbt er für den Einsatz der Bundeswehr "im Inneren". Wenn die Polizei in Notlagen nicht ausreiche, wenn es um die Abwehr von atomaren, biologischen oder chemischen Angriffen auf die Bevölkerung gehe. "Ich war 34 Jahre Soldat", sagte er. "Es geht nicht um Panzer vor Kindergärten."
Diese sind Schönbohms letzte Urlaubstage. Dies war wohl sein einziger Auftritt in Schleswig-Holstein. Nach der Veranstaltung liegen zweieinhalb Stunden Heimfahrt nach Brandenburg vor ihm. Dort, heißt es in der Berliner Morgenpost, würden immer neue Forderungen nach Rücktritt laut.
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