ln-online/lokales vom 20.01.2006 01:00
Die Schlachthof-Mitarbeiter kämpfen um ihre Arbeitsplätze
100 Mitarbeiter des Schlachthofes demonstrierten gestern gegen die geplante Schließung des Betriebs. Im Rathaus machten derweil die Manager des Unternehmens unmissverständlich klar, dass der Traditionsbetrieb keine Chance hat."Wir ziehen alle an einem Strang", steht auf dem Plastikkittel, den Alexander Hafner wie 100 andere Kollegen übergeworfen hat. Der 44-Jährige ist Fleischkontrolleur, seit neun Jahren bei der Stadt angestellt, und achtet darauf, dass im Schlachthof in der Schwartauer Allee kein Gammelfleisch in den Verkehr kommt. Hafner befürchtet, dass er sich ab März einen anderen Job suchen muss. Wenn der Schlachthof Ende Februar schließt, werden Fleischkontrolleure in Lübeck und Umgebung nicht mehr gebraucht. Umziehen? "Meine Frau arbeitet beim Zweckverband Ostholstein, zu Hause sitzen zwei Kinder." Hafner hofft, dass die Demo etwas bringt.
Dustin Kramer ist im zweiten Lehrjahr, glaubte, beim Schlachthof sei die Ausbildung sicher. Durch Zeitung und Radio habe er von der geplanten Schließung seines Betriebes erfahren. "Wir haben kaum Informationen, wie es weiter geht", sagt der 18-Jährige, "aus Lübeck will keiner weg."
Sabine Müller arbeitet als kaufmännische Angestellte seit mehr als 20 Jahren im Betrieb. Was macht sie, wenn die Vion Food Hamburg (vormals NFZ) den Laden dicht macht? "Dann stehe ich auf der Straße", sagt die 48-Jährige. "Der Schlachthof darf nicht sterben", steht auf den Transparenten, die die Demonstranten durch die Stadt schleppen. Für 20 Minuten legt die Hundertschaft den Verkehr in der Innenstadt lahm. Vor dem Rathaus werden alle Register des Protestierens gezogen: ohrenbetäubendes Getriller, kämpferische Reden, einer hämmert mit einem Stock gegen die Fahnenmasten. Den "Unmut über die unternehmerische Entscheidung" wolle man zeigen, spricht Jürgen Klitzschmüller von der Gewerkschaft NGG: "Die Beschäftigten haben jahrelang auf Einkommen verzichtet, Lübeck hat die günstigsten Kosten aller Betriebe des Vion-Konzerns." Manfred Berghofer, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats, wird deutlicher: "Erst hat man die Belegschaften gemolken, dann werden sie geschlachtet."
2004 habe man die Schlachter geopfert, berichtet der Lübecker Betriebsratsvorsitzende Manfred Bendig. Als Ersatz kamen die billigeren Ungarn. Bendig: "Wir haben unsere Personalkosten so weit heruntergefahren, dass nichts mehr zu machen ist." Wie viel verdient ein Schlachter? Zwischen 8,30 und 10,26 Euro die Stunde. Ein Jung-Geselle kommt auf 1200 Euro im Monat.
Oben im Rathaus, im Dienstzimmer von Bürgermeister Bernd Saxe (SPD), wird derweil anders gerechnet. Erich Gölz, Vorstandsvorsitzender von Vion Food Hamburg, und drei Begleiter sagen, dass der Konzern den Standort in der Schwartauer Allee aus wirtschaftlichen Gründen schließen müsse. Die von Saxe und Innensenator Thorsten Geißler (CDU) dargebotenen alternativen Standorte in der Hansestadt werden vom Tisch gewischt. Sogar beträchtliche Wirtschaftsförderung bieten Saxe und Geißler an. Sie beißen aber auf Granit. Diese Haltung des Konzerns bezeichnet der Bürgermeister vor dem Rathaus als ärgerlich. "Das ist kein fairer Umgang", kritisiert Saxe vor den protestierenden Schlachthof-Mitarbeitern. Die Stadt wolle den Betrieb halten und die Arbeitsplätze erhalten. Saxe macht den Demonstranten aber auch klar: Wenn der Konzern weg will, könne man ihn nicht halten. "Es steht auf des Messers Schneide", so der Rathaus-Chef.
Der Personalrat des Bereichs Sicherheit, Umwelt und Ordnung macht sich schon Gedanken über die Zukunft der städtischen Fleischkontrolleure und Veterinäre. Kollegen seien schon in der Vergangenheit in die Verkehrsüberwachung gewechselt, andere haben sich als Wasserbauarbeiter oder Hausmeister verdingt. Auch in der Mechanisch-Biologischen Abfallanlage (MBA) auf Niemark könnten welche arbeiten.
Betriebsratschef Bendig glaubt nicht, dass die Proteste den Konzern erweichen. "Vion wird das durchziehen", sagt der 44-Jährige. Seine leise Hoffnung: Ein anderer Betreiber könnte übernehmen.
In den letzten 7 Tagen schon 12 mal gelesen - zuletzt am 08.02.2010 um 23:25.
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