Chris Letcher: Frieze
Wir haben keine Vorurteile, aber die meisten südafrikanischen Künstler, die es bis zu uns schaffen, arbeiten extrem US-traditionell. Sie wagen kaum Experimente und wirken zwar wohlklingend und harmonisch, freundlich und fröhlich, leben aber trotzdem hinterm Mond. Chris Letcher ist zwar schon lange in London und hat auch genug Underground aufgesogen, aber irgendwie tut er es seinen Landsmännern ein bisschen gleich.
Er lässt die zauberhafte, aber veraltete Stimmung von Simon & Garfunkel auferstehen. Plinkernde Kristallgitarren, perlende Pianotöne und die vielfach overdubbte Stimme erinnern schwer an die 70er-Jahre. Elegische Melodien, dramatische Bögen und leidenschaftliche Aussagen, die von Letchers Stimme reizvoll leidenschaftslos gesungen werden und einen schönen Gegensatz bilden, machen die Hauptelemente der Songs aus. Die hin und wieder einsetzenden Elektronik-Töne werden ausschließlich als Melodieinstrumente eingesetzt, und auch sonst wirkt das Album viel süßer, als es möchte.
Denn Letcher nutzt auch bittere Themen, singt auf "I Was Awake I Could Not Move My Eyes" über einen Mann, der auf eine Lungentransplantation wartet - der Rhythmustrack stammt von einer echten Herz-Lungen-Maschine. "Sketch" treibt uns dank seiner pessimistischen Attitüde die Tränen der Verzweiflung in die Augen. Letcher arbeitet mit Assoziationen, setzt baukastenartig Erinnerungsfetzen, Bilder und Atmösphären zusammen.
Hin und wieder wacht Letcher auf, bietet mit "Milk" einen bowieesken, vielschichtigen Rocker, kracht auf "If Nothing Else" punkig herum oder packt in "Bird Caught Fire" einen dramatischen Krawallteil mit auf die Scheibe. Dann aber wird er stets schnell wieder leise und atmosphärisch, melodisch und pathetisch, tiefgründig und gefühlvoll. Letcher ist dabei aber niemals ein schlichtes Gemüt, dazu ist er zu wütend und zu traurig. Stets brodelt im Untergrund der lauernde Wahnsinn, der ausbrechen möchte, der Schmerz, der blitzschnell die Regie übernehmen kann oder der geniale Teufel, der die lieblichen Songs dank eines klitzekleinen Fehltritts in harmonische oder rhythmische Abgründe stürzen möchte. Subtil nennt man das. Und gut.
Genre: Rock/Pop
Vertrieb: rough trade
Artistpage
Chris Letcher bei myspace
Labelpage 2Feet
In den letzten 7 Tagen schon 2 mal gelesen - zuletzt am 27.07.2010 um 00:38.

