ln-online/lokales vom 06.02.2008 08:20
Giftgas-Flaschen in der Lübecker Bucht: Wie groß ist die Gefahr?
Acht Kilometer vor Travemünde ruhen Giftgasflaschen in 20 Metern Tiefe – wenn sie noch da sind. Umweltverbände fordern die sofortige Beseitigung. Behörden sagen, das könne gefährlicher sein, als sie liegen zu lassen. Foto: Maxwitat/LN
Umweltverbände kritisierten gestern den Umgang der Hansestadt mit dem Giftgas vor Travemünde als "peinliches Weiterreichen der Verantwortung". Der Naturschutzbund Schleswig-Holstein, die Gesellschaft zur Rettung der Delphine und die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere forderten Lübeck auf, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, um die Giftgasflaschen orten und beseitigen zu lassen. "Es ist eine Schande, dass eine Stadt, die auf den Tourismus setzt, das Thema nicht offensiv angeht", kritisieren die Verbände.
13 Flaschen mit je 40 Litern Chlor, eine Flasche mit zehn Litern Phosgen und eine Flasche mit Lachgas wurden am 10. Februar 1961 um 12.50 Uhr acht Kilometer vor Travemünde versenkt. Chlor und Phosgen sind Kampfstoffe. "Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Lübeck und die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Kiel hatten eine entsprechende Genehmigung erteilt", berichteten die Lübecker Nachrichten im September 1970. Damals kam die Geschichte hoch, weil das Fischereiamt des Landes Schleswig-Holstein die Fischer vor der giftigen Altlast warnte.
47 Jahre nach der Versenkung taucht die Geschichte wieder auf, weil der Koblenzer Meeresbiologe Dr. Stefan Nehring in alten Dokumenten Hinweise auf den Vorgang fand. "Bis heute behaupten Bund und Land, dass in deutschen Küstengewässern niemals Giftgas versenkt wurde", erklärt Nehring und wirft den Behörden Vertuschung vor. Die FDP-Fraktionschefin in der Bürgerschaft, Michaela Blunk, griff die Warnungen auf und forderte in der jüngsten Sitzung: "Endlich auch unter Wasser die Augen öffnen." Kampfstoffe direkt vor der Küste seien nicht zu akzeptieren. Wenn Chlorgas-Flaschen an den Strand gespült würden und sich öffneten, könnten viele Menschen zu Schaden kommen.
Meeresbiologe Nehring empfiehlt den Behörden, die Gefährdungsabschätzung nicht vom Schreibtisch aus vorzunehmen. "Mit Giftgas ist nicht zu spaßen." Die Ämter sollten ein Schiff hinschicken, das mit Sonar und Magnetometer den Meeresboden absucht. Die Flaschen sollen etwa 20 Meter tief liegen. "Die Gefahrenlage kann man erst beurteilen, wenn man weiß, wo das Zeug ist", so Nehring. Sollte es noch dort liegen, müsse man überlegen, ob man die Flaschen aufbohre und die Gifte kontrolliert in die Ostsee entlasse. Sollten die Behälter weg sein, müssten die Behörden die Suche intensivieren.
Die Bürgerschaft hat entschieden, in Zusammenarbeit mit den Landes- und Bundesbehörden zu klären, ob eine Gefahr vorliegt und eine Bergung nötig ist. Außerdem soll die Zuständigkeit geklärt werden. "Wir haben kein Personal, das die erforderliche Qualifikation aufweist", sagt Umweltsenator Thorsten Geißler (CDU). Die Verwaltung werde die Aufträge zügig abarbeiten, von Untätigkeit könne keine Rede sein. Für die Landesbehörden sind die Giftgasfunde neu. "Wir hatten von der Fundstelle bislang keine Kenntnisse", sagt Christian Seyfert, Sprecher des Umweltministeriums. Die Hansestadt habe inzwischen beim Amt für Katastrophenschutz angefragt, ob die Funde überprüft werden könnten, so Thomas Giebeler, Sprecher des Innenministeriums. Dort kenne man aber die Position der Funde nicht, außerdem sei das Gebiet im Bundesbesitz. Giebeler: "Der Vorwurf der Vertuschung trifft das Land nicht, da das Amt für Katastrophenschutz von der Versenkung bislang nichts wusste."
Die Touristikbranche ist nicht glücklich. "Das ist der Tourismuswerbung nicht zuträglich", sagt Andrea Gastager von der LTM. Die ersten Gäste erkundigten sich bereits, berichtet Kurdirektor Uwe Kirchhof. Klaus Petersen, CDU-Ortsverbandschef von Travemünde, warnt davor, "eine Panik auszulösen".
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