ln-online/lokales vom 21.02.2008 00:00
Liegt das Lübecker Giftgas doch vor Pelzerhaken?
Lübeck - Was liegt da wirklich auf dem Grund der Ostsee vor Pelzerhaken? Das Kieler Innenministerium lässt jetzt doch die 15 angeblich harmlosen Behälter bergen, die bereits 2001 in dem Munitionsversenkungsgebiet wenige hundert Meter vor dem Badestrand gefunden wurden. Der böse Verdacht: Es könnte sich um die 15 Giftgas-Fässer handeln, die die Stadt Lübeck 1961 in der Ostsee versenken ließ. 14 Flaschen Chlorgas und Phosgen, eine Flasche Lachgas: Überreste des Krieges. Eigentlich sollten die Behälter mit tödlicher Fracht dreieinhalb Seemeilen weiter östlich liegen. So hatten es die Lübecker damals jedenfalls gemeldet. Die Stelle wurde sogar mit einer Warn-Boje markiert. Nachdem Naturschützer und Meeresbiologen Zweifel äußerten und kräftig Druck machten, ließ das Ministerium am vergangenen Freitag endlich um die Boje herum nach den Fässern suchen - vergeblich.
"Möglicherweise sind sie abgedriftet, vielleicht haben die Lübecker damals falsche Koordinaten angegeben. Wir wissen es nicht", musste Innen-Staatssekretär Ulrich Lorenz (SPD) gestern zugeben. Dass es sich bei den 15 Behältern vor Pelzerhaken um die Lübecker Giftgasflaschen handelt, sei zwar nicht erwiesen, könne nun aber zumindest nicht mehr ausgeschlossen werden. "Deshalb müssen wir tätig werden, zur Gefahrenabwehr", sagt Lorenz. Und: "Wir werden die Behälter in den kommenden Wochen von einer Spezialfirma bergen und vernichten lassen, noch vor Beginn der Tourismus-Saison."
Warum aber hegte man im Innenministerium diesen Verdacht nicht schon 2001, als die Experten vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) im Auftrag des Kieler Umweltministeriums mit ihren Spezialschiffen die 15 Behälter vor Pelzerhaken entdeckten? "Man hat damals einfach keine Verbindung zwischen den beiden Fällen gesehen", sagt Lorenz, "erst jetzt, wo man weiß, dass die Lübecker Behälter nicht dort sind, wo sie sein sollten." Auch die Experten des BSH wurden offenbar nicht stutzig, obwohl ihre Behörde selber genaue Aufzeichungen über zahlreiche Altlasten in dem Gebiet, auch über die Lübecker Giftgasversenkung, in einem Bericht zusammengetragen haben sollte. Vom BSH hieß es dazu gestern nur: "Wir geben dazu keine Auskünfte."
Der Koblenzer Meeresbiologe Stefan Nehring, der schon lange vor den Altlasten warnt und die Untersuchungen mit angestoßen hat, fühlt sich durch die Bergungspläne bestätigt: "Die Wahrscheinlichkeit ist auch wirklich relativ groß, dass es sich bei dem Fund vor Pelzerhaken um das Lübecker Giftgas handelt." Wenn nicht, gehe die Suche erst richtig los: "Dann muss sofort der gesamte Grund mindestens zwischen der angeblichen Versenkungsstelle und dem Strand abgesucht werden - bis das Gift gefunden wird." Austretendes Phosgen könnte an den Strand gespült werden. Nehmen zum Beispiel spielende Kinder die bunten Klumpen in die Hand, kommt es noch immer zu schwersten Verbrennungen. Nehring: "Aus diesem Grunde fordere ich auch, alle Munitionsversenkungs-Gebiete sofort zu untersuchen und gefährliche Funde zu bergen und zu vernichten."
Im Innenministerium verweist man da allerdings sofort an das zuständige Verkehrsministerium in Berlin: "Der Bund ist Grundeigentümer." Fürchtet man die Kosten? Schon die Bergung und Vernichtung der 15 Behälter soll jedenfalls mindestens eine Million Euro kosten. Das Land werde das erstmal bezahlen, heißt es im Ministerium. Ulrich Lorenz: "Aber wenn es sich herausstellt, dass es das Giftgas aus Lübeck ist, wird man darüber reden, ob das nicht die Stadt bezahlen muss."
In den letzten 7 Tagen schon 5 mal gelesen - zuletzt am 29.07.2010 um 19:03.
Dr. Stefan Nehring schrieb am 21.02.2008 07:39:
Leider hat Herr Hammer meine Aussage zum Giftgas in einen falschen Zusammenhang gestellt. Phosgen kann nicht lose an die Strände gespült werden. Die zitierten Verbrennungen "durch bunte Klumpen" werden durch Phosphor aus Brandbomben verursacht - das ist ein ganz anderes gravierendes Problem und hat mit den versenkten Giftgasflaschen vor Travemünde nichts zu tun.
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