ln-online/lokales vom 28.03.2008 12:00
Der Tag vor den Demos: St. Lorenz Süd wappnet sich
"Nazifreie Zone, die Straße gehört uns!" auch vor Cihangir Yalcinkayas Reisebüro. Foto: Jelonnek/LN
Fenster aufreißen, Boxen rausstellen, Anti-Nazi- Musik spielen. Einige der "Kollegen" kommen schon heute Abend und übernachten bei ihm. Die anderen, sagt Tobias Carstens, kommen morgen früh, wenn's losgeht. Sie wollen keinen Stress machen. Aber zugucken. Und ein Zeichen setzen, wenn "die scheiß Rechten", und damit meint Carstens die NPD-Mitglieder, auf ihrer Route auch an seinem Wohnzimmer vorbeimarschieren.
Lässig sitzt der 20-Jährige am offenen Fenster seiner Wohnung und stößt den Rauch seiner Zigarette in die Luft. "Wollen wir wetten, dass einige es doch schaffen werden, hier in den Bezirk zu gelangen? Vielleicht nicht von außen. Aber hier wohnen genug Linke und Ausländer, die gegendemonstrieren werden." Jeder habe das Recht auf Versammlungsfreiheit. Ja. Man solle seine Meinung äußern dürfen, auch wenn es eine umstrittene sei. Ja. Verbieten könne und solle man "so was" nicht, sagt Tobias. Aber unterstützen auch nicht. Und dann grinst er.
Es ist eine gelassene Ruhe vor dem befürchteten Sturm. In den Straßen, die morgen für den Trauermarsch der NPD freigegeben sind, herrscht ganz normales Alltagstreiben, Man geht einkaufen, man führt den Hund aus, man unterhält sich von Fensterbank zu Fensterbank. Auch über morgen. Die Anwohner seien schon etwas unsicher, sagt Torsten Wähling, stellvertretender Leiter des zweiten Polizeireviers in der Hansestraße. "Einige haben angerufen, andere sind vorbeigekommen." Weil sie von der Polizei wissen wollen, wo sie ihre Autos parken sollen, weil sie wissen wollen, wann die Veranstaltung ungefähr zu Ende ist, weil sie wissen wollen, was sie mit ihren Läden machen sollen.
Renate Steinfadt war auch da. "Ich weiß nicht, was ich machen soll." Den Laden lieber schließen. Das sagt ihr Gefühl. Öffnen, raten ihr die Stammgäste. Die 62-Jährige arbeitet in der Gaststätte "Pritzkows", Moislinger Allee. Direkt am Lindenteller, wo der Marsch beendet wird - der Platz, an dem sich rechte und linke Demonstranten am wahrscheinlichsten nahe kommen könnten. "Das wird sich hier alles vor meiner Haustür abspielen. Ich komme mit dem Bus, ich weiß noch nicht mal, wohin die Haltestellen verlegt sind. Ich habe wirklich Angst." Die Polizei habe ihr geraten, die Kneipe lieber zuzulassen. "Ach hör doch auf, das wird schon gutgehen", ruft ihr ein Gast zu. "Ja, das sagst du so", antwortet Steinfadt. "Und was ist, wenn nicht?" Sie geht an den Zapfhahn, schüttelt den Kopf und murmelt zuletzt etwas von "geschlossen" und "so einfach ist das".
Das türkische Reisebüro nebenan schließt nicht. Geschäftsführer Cihangir Yalcinkaya wird wie an jedem anderen Sonnabend auch geöffnet haben. Vor ein paar Tagen bekam der 25-Jährige Besuch von "Alternativen", die ihm ein Plakat in die Hand gedrückt haben: "Nazifreie Zone, die Straße gehört uns!" wollen Anwohner und Ladenbesitzer in ihre Fenster hängen. Das weiß Yalcinkaya, weil er sich mit vielen Nachbarn über "morgen" unterhalten hat. Angst vor Ausschreitungen? "Nicht wirklich." Aber man weiß ja nie. Und deshalb hätten sich viele der Nachbarn gewappnet. Auch er. Yalcinkaya dreht sich um und holt einen Schlagstock hervor. "Für alle Fälle."
Ob es Angst oder Vorsorge ist, dass einige Kunden die Termine am Sonnabend abgesagt haben, weiß Friseurin Anja Punis vom Friseur Team Gepner im Töpferweg nicht. Die Einträge für den 29. März, hat sie im Kalender nacheinander wieder ausradiert. "Wegen der Demo" heißt es immer am Telefon. "Wegen der Parkplätze, die gesperrt sein werden." Inhaberin Sabine Gepner muss damit leben, sagt sie. "Ich bin für freie Meinungsäußerung. Aber bitte ohne Gewalt." Wenn sie allerdings an "morgen" denkt, wird ihr "ganz anders".
In den letzten 7 Tagen schon 5 mal gelesen - zuletzt am 16.03.2010 um 18:26.
Weitere Politik-Meldungen aus Lübeck
Polizei plant Jugend-KommissariatTravemündes Strandpromenaden-Pläne sind umstritten
Neues Klo-Konzept für Lübeck
Die „Lübeck“ kommt zum Jubiläum nach Hause
Geschlossene Heime für junge Intensiv-Straftäter?
|
|||||||||||||||



