ln-online/lokales vom 30.03.2008 00:00
Yefim Bronfman und die NDR-Sinfoniker: Ein Konzert wie ein inniges Fest
Lübeck - Da schlurft ein schwerfälliger Mann auf die Bühne der Musik- und Kongresshalle und nimmt am Flügel platz, als komme nun die ganz große Pranke zum Einsatz. Und dann zeigt dieser Yefim Bronfman in den ersten fünf unbegleiteten Takten von Beethovens 4. Klavierkonzert einen so federleichten Anschlag, eine so unaufdringlich lyrische Stimmführung, dass man dahinschmelzen möchte. Er behält dieses delikate Spiel auch bei der Beethoven-Kadenz bei - wirft sich zwar hinein in die Läufe und Akkorde, vermeidet aber das bei Pianisten beliebte Imponier- und Einschüchterungsgehabe. Noch im vergangenen Dezember konnte man die Pianistin Beatrice Berthold, begleitet von den Lübecker Philharmonikern, mit demselben Beethoven-Konzert am selben Ort hören. Sie war sehr viel mehr auf große Gesten aus, auf solistisches Prunken. Bronfman aber schmiegte sich an den Klang der NDR-Sinfoniker, deren Dirigent Christoph von Dohnányi den Blick fast nie von seinem Solisten ließ. Das Konzert ist ein ständiger Dialog und Kampf, ein Aufbrausen und Besänftigen, Dirigent und Pianist inszenierten dieses Mit- und Gegeneinander wie ein inniges Fest.
Dann der scharfe Kontrast: Nach der Pause wartete von Dohnányi mit ganz großem Tschingderassabumm auf: Richard Strauss' Tondichtung "Ein Heldenleben". Maximale Orchesterstärke, maximale Lautstärke: schnarrende Bässe, auftrumpfende Geigen, Bläser von obszöner Wucht. Diese drückte das Publikum in den ersten Reihen in die Sitze. Dezenz ist Schwäche, heißt ein Theaterwort. Es gilt auch hier. Strauss' tönendes Selbstporträt als Übermensch ist ein Klangerlebnis zwischen Jahrmarkt und Völkerschlacht, schwer- und spätromantisch und gelegentlich an der Grenze der Tonalität. Das Orchester und sein als temperamentvoller Solist heraustretender Konzertmeister Roland Greutter malten das Großpanorama mit schwerem Pinselstrich wie den Soundtrack eines schicksaltriefenden Western - und durchaus mit Ironie.
Das Publikum in der gut gefüllten MuK war beglückt und überrascht. Und man ging in dem Gefühl nach Hause, dass es für Lübeck sehr bereichernd ist, nicht immer nur die durchaus qualitätsvollen Philharmoniker der eigenen Stadt zu hören, sondern gelegentlich auch ein Orchester von internationalem Rang. mib
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