vom 08.10.2008 00:00
Der Skandal um den Lübecker Linken-Kreischef und Bürgerschaftsabgeordneten Ragnar Lüttke (42) wird immer skurriler: Erst tauchten Fotos auf, die ihn bei einer Geburtstagsfeier für den Sowjet-Diktator Josef Stalin zeigen (Lüttke: „Alles nur Satire“). Jetzt wird bekannt, dass Lüttke 2005 einen Verein mit Namen ANGK/AR gegründet hat – wohl um historische Rollenspiele zu veranstalten. Offiziell steht ANGK/AR für „Alternative und Neue Geschichts- und Kulturbetrachtung/ Ausgewählter Regionen e.V“, heißt es in der von Lüttke unterschriebenen Vereinssatzung, die den LN vorliegt. Der Verein wolle Themen fördern, die „wenig oder gar nicht im öffentlichen Bewusstsein stehen“.
Allerdings: „Angkar“ nannte auch der grausame kambodschanische Diktator Pol Pot seine kommunistische Organisation, die das Land bis 1979 terrorisierte – und in nur vier Jahren ein Viertel der Bevölkerung sterben ließ. Zufall? „Ja, Zufall“, sagt Rüdiger Nitz, der den Verein („15 Mitglieder, fünf Euro Jahresbeitrag, heute gibt es ihn nur noch auf dem Papier.“) mit Lüttke aus der Taufe gehoben hat. Harmlos sei es bei den Treffen zugegangen. „Wir haben bei der Gründung zum Beispiel eine Landkommune nachgespielt und ein Reisfeld angelegt.“ Nach fünf Stunden sei man zum gemütlichen Teil übergegangen – „mit Lagerfeuerromantik“. Beim zweiten Treffen sei es um ein Bierbrauprojekt gegangen. Entstanden bei einem solchen Treffen die Fotos Lüttkes auf einer Stalin-Geburtstagsfeier? „Nein!“, sagt Nitz, „damit haben wir nichts zu tun.“
Wegen dieser Fotos (die LN berichteten) muss Lüttke jetzt allerdings weiter um seine politische Zukunft fürchten. Der Linken-Kreisvorstand Neumünster will am Freitag beschließen, Lüttkes Parteiausschluss zu beantragen. Kreischef Jörn Seib: „Der Mann ist für die Partei nicht mehr tragbar. Das mit der Feier ist kein Spaß.“ Skandalös sei auch das Verhalten des Landesvorstands dazu. Der habe auf seiner Sitzung mit sieben zu zwei Stimmen beschlossen, das Thema Lüttke nicht zu debattieren. Seib: „Damit macht er sich mitverantwortlich.“ Die Linke Asja Huberty greift ihren Kreischef scharf an, spricht von einem „fatalen Verhalten“. Der Fall solle in der Bürgerschaftsfraktion diskutiert werden. Huberty ist sich sicher: „Wäre der Stalin-Geburtstag bei der DKP gefeiert worden oder hätten irgendwelche Junge Union-Mitglieder den Hitler-Geburtstag gefeiert, wäre Ragnar der erste gewesen, der Rücktritte gefordert hätte.“
Auch in den anderen Fraktionen herrscht weiter Empörung. FDP-Fraktionschef Thomas Schalies warnt: „Die Linke lässt ihre Maske fallen.“ SPD-Vize-Fraktionschefin Konstanze Wagner hält Lüttkes Verhalten für „schwierig und gefährlich“. Er müsse sich jetzt ernsthaft fragen, ob er nach dem Vorfall politisch weiter arbeiten könne. CDU-Frontmann Andreas Zander betont erneut: „Wir gehen davon aus, dass er seinen Posten und sein Mandat zurückgibt.“Andernfalls wolle die Union das Ganze zum Thema in der Bürgerschaft machen. „Es gäbe die Möglichkeit, Lüttkes Verhalten mit einer Resolution zu missbilligen.“
Nach einem Rückzug des Linken-Chefs sah es gestern aber nicht aus. Lüttke: „Wegen einer Satire trete ich nicht zurück.“
Manfred Schlesiger schrieb am 08.10.2008 10:33:
Herr Lüttke ist in einem Alter und einer Position, in dem man die Spielregeln der Gesellschaft kennen und verinnerlicht haben sollte. Es gibt Bereiche, die man nur mit äußerstem Fingerspitzengefühl anfassen sollte. Dazu gehört ganz sicher auch diese Feier. Wenn Er dies bis jetzt nicht begriffen hat, gehört Er in kein Amt - sei es einer Partei oder der Bürgerschaft.
Stefan Kähmzow schrieb am 08.10.2008 11:46:
Sorry Leute, aber mein Hund heißt übrigens auch Anka. Bin ich jetzt
Stalinist?
joe mcreman schrieb am 08.10.2008 12:01:
das leben des herrn lüttke scheint ja nur aus spaß und satire zu bestehen.
sein "komitee zur kreuzigung des papstes" und die brennende papstpuppe auf dem kohlmarkt ist auch noch vielen leuten in erinnerung. und die forderung nach freiheit für den papstattentäter mehmet ali agca war wohl auch nur ein spaß.
ich lach mich schlapp...
H. Schulz schrieb am 08.10.2008 17:53:
Hier muss man sich einfach an die Aussagen von Alt-Bundespräsident Roman Herzog erinnern, der ein "Grundrecht auf Dummheit" einräumt. Nur weiß er nicht, wenn er sich die Politiker von heute ansieht, ob er "lachen oder weinen" soll, was im vorliegenen Fall mangels politischer Kompetenz uneingeschränkt zutrifft.
Weitere Politik-Meldungen aus Lübeck
Lübecks Denkmäler laden einVerstorbener verunglimpft: Gericht verhängt Bewährungsstrafe
Massiver Protest: Berliner Plan kostet das UKSH Millionen
Stadt rechnet durch: Kampf gegen Armut kaum bezahlbar
Lübeck : Norddeutscher Filmpreis soll eingespart werden
Teure Energie-Sanierung: Schock für Hausbesitzer
Lübeck: Jugendliche diskutieren Sarrazin

