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vom 30.12.2008 10:05
vom 30.12.2008 10:05
LN-Interview mit Forsa-Chef Güllner: „Stegner ist der falsche Kandidat“
Kiel/Berlin – Superwahljahr im Zeichen der Superkrise. Wer profitiert davon? Wer kann sie meistern? Was bewegt die Bürger? Die LN sprachen mit Manfred Güllner, Chef des Forsa-Meinungsforschungsinstituts.Lübecker Nachrichten: Herr Güllner, mit so düsteren Prognosen ist Deutschland lange nicht in ein neues Jahr gestartet. Wie beunruhigt sind die Menschen?
Manfred Güllner: Natürlich haben die Menschen Ängste und Befürchtungen. Sie waren schon vor der Finanzkrise eher pessimistisch gestimmt. Sie haben, überspitzt formuliert, mit einer Krise fast schon gerechnet. Jetzt sehen sie sich bestätigt, sind aber deshalb nicht noch pessimistischer geworden.
LN: All die Hiobsbotschaften prallen ab?
Güllner: Das Vertrauen in die sogenannten Experten ist genauso verloren gegangen wie das in die Politik. Man hat ihnen nicht geglaubt, als sie ihre positiven Wachstumsprognosen verkündet haben. Und jetzt glaubt man auch ihren Horrorszenarien nur begrenzt.
LN: Was erwarten die Menschen jetzt von der Politik?
Güllner: Die bisherigen Antworten auf die Krise wurden recht positiv aufgenommen, etwa der Rettungsschirm für die Banken. Vor allem weil es die Kanzlerin so beglückend darstellte. „Wir tun es nicht für die Banken, wir tun es für die Menschen.“ Da fühlten sich viele angesprochen. Jetzt, wo noch von einer Wirtschaftskrise die Rede ist, soll wieder etwas passieren. Aber es gibt keinen Erwartungsdruck. Man ist fast schon zufrieden, so wie es läuft.
LN: Scharen sich die Deutschen in der Krise um die Regierung? Oder schlägt die Stunde der Opposition?
Güllner: Zumindest schlägt nicht die Stunde der Linken. Im Gegenteil. Die Analysen und Warnungen der Linken mögen stimmen, sagen sich viele. Aber sie trauen ihnen keine Lösungskompetenz zu.
LN: Wachsen mit der Wirtschaftskrise Sympathien für eine Fortsetzung der Großen Koalition?
Güllner: Vor dem Hintergrund der Krise gewinnt die Große Koalition an Akzeptanz. Einem Großteil der CDU-Anhänger und fast zwei Dritteln der SPD-Anhänger wäre eine Fortsetzung nicht unlieb – trotz aller Unzufriedenheit darüber, dass diese Koalition nichts Großes geleistet hat.
LN: Warum bekommt der SPD die Große Koalition so viel schlechter als der Union?
Güllner: Die SPD hat ihre Schwachstellen und zeigt sie zur Verunsicherung ihrer Wähler immer wieder. Der Ausschlussversuch und der Austritt Wolfgang Clements. Hessen, wo Andrea Ypsilanti nicht zurücktritt. Oder nehmen Sie Ralf Stegner in Schleswig-Holstein. Der wird, mit Verlaub, von den Menschen als Kotzbrocken wahrgenommen. Wo immer er auftritt, stabilisiert er dieses Bild. Das alles hält die SPD unten.
LN: Sollte die SPD Stegner etwa verstecken?
Güllner: Jeder weiß, dass er unsympathisch wirkt und der ungeeignetste Kandidat ist, den man einem Ministerpräsidenten Carstensen entgegenstellen kann. Den Schleswig-Holsteinern kann man nur raten, ihn zu verstecken.
LN: Welche Bedeutung hat die Hessen-Wahl im Januar?
Güllner: Hessen ist ganz klar ein regionales Ereignis. Bundespolitische Aspekte spielen überhaupt keine Rolle. Wenn die SPD, wie zu erwarten ist, kräftig einbricht, hat das sicherlich eine gewisse Ausstrahlung. Aber es wird keine Auswirkungen bis zur Bundestagswahl entfalten.
LN: Warum kommt die SPD auch unter dem neuen Duo Steinmeier/Müntefering nicht aus dem Tief heraus?
Güllner: Außenpolitische Themen haben noch nie eine Wahl entschieden. Steinmeier muss versuchen, die Sympathie, die er als Außenminister genießt, auf den Kanzlerkandidaten Steinmeier zu übertragen. Dazu muss er auf anderen Feldern Kompetenz gewinnen. Das ist nicht einfach. Als Außenminister kann er sich ja nicht plötzlich als Ökonom inszenieren.
LN: Wäre Krisen-Star Peer Steinbrück der bessere Kandidat?
Güllner: Nein. Steinbrück ist zwar in der Krise sehr aktiv, er wird auch geachtet. Aber selbst 40 Prozent der SPD-Anhänger wissen gar nicht, dass er Sozialdemokrat ist. Angela Merkel macht das sehr geschickt. Sie lässt Steinbrück immer an ihrer Seite agieren. Da denken viele: Ach, das ist ihr Gehilfe. Außerdem spricht Steinbrück eine schreckliche Fiskal-Sprache.
LN: Zur Union: Schadet ihr der Geschwister-Streit mit der CSU?
Güllner: Nein, nicht unbedingt. Die CSU muss sich wieder als bayerische Partei profilieren, die die bayerischen Interessen vertritt. Das ist weggebrochen. Aus Münchner Sicht ist es deshalb richtig, Konflikte mit der CDU einzugehen. Sie dürfen nur nicht überborden.
LN: Ist Angela Merkel wirklich die Wahlkampf-Lokomotive, die die CDU in ihr sieht?
Güllner: Mit knapp unter 50 Prozent genießt Angela Merkel hervorragende Sympathiewerte. Das Problem ist, dass sich die Merkel-Werte von denen der CDU losgelöst haben. Für die CDU wird es entscheidend sein, ob sich Merkels Popularität für die Partei nutzen lässt.
LN: Warum funktioniert das momentan nicht?
Güllner: Merkel wird fast schon überparteilich gesehen, als Präsidenten-Kanzlerin, die über den Dingen steht, nicht als Repräsentantin der Partei. Die CDU muss sich überlegen, wie sie die Kluft zu Merkel schließt.
LN: Ihre Prognose: Was wird die Hauptkampflinie im Bundestagswahlkampf sein?
Güllner: Die ökonomischen Fragen werden wie schon so oft ganz, ganz wichtig sein. Es wird darauf ankommen, wem man in der Krise mehr zutraut. Die Menschen erwarten nicht, dass alles sofort gelöst wird. Aber sie wollen Kompetenz.
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