Sie ist ein Hort des Wissens. In den langen Regalreihen voller Bücher stecken mehr als nur gesammelte Buchstaben. Die Literatur, die es bis hierher schafft, ist es wert, gelesen zu werden. Die Stadtbibliothek hat mehr als 1,1 Millionen Bücher, Zeitschriften, Zeitungen, CDs und DVDs. Und die werden viel genutzt. 2008 kamen in die Zentralbibliothek und die vier Stadtteilbibliotheken insgesamt 303 000 Besucher – so viele wie noch nie.
„Wir werden gebraucht“, sagt der Chef Bernd Hatscher. Davon ist er überzeugt. „Wir haben mehr Besucher als jede andere städtische Einrichtung.“ Zum Vergleich: Alle zehn Lübecker Museen haben im Jahr 260 000 Gäste, das Theater Lübeck 178 000. Die Stadt schießt der Bibliothek jährlich rund 3,2 Millionen Euro zu. Damit ist Hatscher auch zufrieden. Unzufrieden ist er mit der Personalsituation. „Die Schmerzgrenze ist überschritten“, sagt Hatscher. Anderthalb Stellen sind seit zwei Jahren vakant – und er kann den Arbeitsaufwand nicht mehr auffangen. Werden die freien Stellen nicht besetzt, müsse er eine Stadtteilbibliothek schließen, so Hatscher. „Das wäre der ganz falsche Schritt – aber der nächste, wenn wir nicht mindestens 48 Stellen besetzt bekommen.“
Hatscher rechnet vor: „Wir hatten 1996 noch 72 Stellen, heute sind es 48.“ Er will studierte Bibliothekare oder Bibliotheksassistenten einstellen. Denn die müssen eine Auswahl aus den 900 000 Büchern treffen, die pro Jahr weltweit erscheinen. 90 000 davon kommen auf den deutschen Markt. 40 000 Bücher schafft die Stadtbibliothek an. „Es kommt auch darauf an, welche Qualität man den Besuchern anbietet“, sagt Hatscher. Die scheint offenkundig zu stimmen. Zu den 140 Veranstaltungen, die die Stadtbibliothek 2009 angeboten hat, sind knapp 8500 Besucher gekommen. Hinzu kommen 130 Ausstellungen und Buchpräsentationen im Jahr.
Zudem haben die Besucher etliche Fragen: Wann wurde die Kaffeebohne erfunden? Wo gibt es einen Überblick über die Astronomie? Welche Literatur können Sie für einen Neunjährigen empfehlen? 69 000 solcher Fragen wurden 2008 vom Personal beantwortet. „Da müssen Generalisten sitzen mit einer breiten Allgemeinbildung“, kämpft Hatscher für frisches Personal.
Aber bislang kann er keine neuen Leute von außen einstellen – sondern nur welche aus dem internen Verwaltungspool. „Sie haben meist die entsprechende Ausbildung nicht“, klagt Hatscher. „Wir brauchen nicht irgendwen.“ Immer wieder muss er sich Zeit für aufwendige Bewerbungsverfahren nehmen – immer wieder bleiben die Verwaltungsfachangestellten nur kurze Zeit in der Stadtbibliothek. Hatscher kann es ihnen nicht verübeln – haben sie doch etwas ganz anderes gelernt.
Gehör findet Hatscher bei der SPD. Kultur-Experte FrankThomas Gaulin setzt sich für die Stadtbibliothek ein: „Solche Einrichtungen werden immer weiter runtergefahren, wenn man da nicht Druck macht.“ Deshalb hat die SPD auf ihrer Klausurtagung beschlossen, dass die Stellen wiederbesetzt werden sollen. Ein Schwerpunkt ihrer Haushaltsberatungen. Jetzt muss die Fraktion dafür eine Mehrheit finden.
Hatscher hat Hoffnungen, dass es durch die Unterstützung der SPD besser wird. „Wir müssen einfach aufpassen, dass die Stadtbibliothek nicht altmodisch wird“, sagt Hatscher. Er könnte natürlich auch noch mehr Geld gebrauchen. Zwei Millionen Euro für eine interne Datensoftware, die die Abläufe schneller gestaltet. Und mehrere Millionen, um die Bestände zu digitalisieren – ein langfristiges Projekt. Wichtig ist Hatscher aber, dass er die freien Stellen besetzen kann. Bald.
Peter Borowski schrieb am 08.02.2010 07:32:
Nix - es gibt kein Geld, davon werden am Flugplatz Parkplätze gebaut "Ballermann statt Bildung" und "Doof ist geil" heisst der Kurs.
Andreas Asylanti schrieb am 08.02.2010 10:19:
Schließt die Stadtbibliothek -
fast 400 Jahre alt, so alt wird kein Mensch, über 300.000 zu viele Besucher, alte Hanseschätze, Schriften über Ruhmreiches der jetzt verfallenden Hansestadt.
Wir müssen die Menschen in Lübeck dumm halten, dann sind sie besser politisch zu führen und unkritischer. Bloß nicht digitalisieren, dann ist alles vor Verfall geschützt. Bildung nur noch aus Hollywood...
Horst Liedke schrieb am 08.02.2010 13:11:
Wenn auf kommunaler Ebene kein Geld mehr da ist, dann wird für die Bürger aus einer abstrakten Diskussion über Steuern etwas konkretes, dass sie vor Ort spüren. Jetzt sind es die Bibliotheken. Wann kommen Kitas, Schwimmbäder, Sportvereine dran? Der deutsche Städtetag: Die meisten Städte haben schon jetzt kein Geld mehr, man müsse verhindern, das die Kommunen finanziell zusammenbrechen.
F.Mardorf schrieb am 08.02.2010 22:07:
Wozu Bibliotheken?
Thomas Mann und Günter Grass laufen doch im Kino. Lübeck würde sonst auf einem Zauberberg von Literatur sitzen bleiben.
Weg damit und ab ins Kino, bei Popcorn und Cola. Verfall der Werte ist cool
Susanne schrieb am 12.02.2010 21:21:
Das ist eine Katastrophe und ein Unding. Wenn man sich mal überlegt, wie viele Experten im Bibliothekssektor ganz wild auf eine Stelle sind. Ich arbeite in dem Bereich und weiß wie die Stellenlage ist. Da warten zahlreiche top-ausgebildete Kräfte sehnsüchtig auf eine Stelle. Und statt die Stadt sich daran einfach bedient, schiebt sie lieber arme Verwaltungsfachkräfte in die Bibliotheken ab.
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