Von Joachim Strunk
Schiphorst – Nach dem von der Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP initiierten Ausstieg aus der Atomenergie und der damit eingeleiteten Energiewende in Deutschland, gilt der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen nunmehr höchster Aufmerksamkeit. Strom und Wärme durch Biogas, Solarthermie, Photovoltaik, Erdwärme und – in erster Linie – durch Windkraft. Insbesondere in letztgenannter Technik sieht Deutschland, international anerkanntermaßen als Vorreiter, seine große Chance, um einerseits den eigenen hohen Bedarf an Elektrizität für seine Wirtschaft zu garantieren und andererseits um auch technologisch ein Global Player zu bleiben.
Windkraft über alles? Wohl kaum. Schon zu Atomkraftzeiten gab es Kritiker, die vor der „Verspargelung“ der Landschaft warnten, Tausende von Vögeln in den sich drehenden Riesenrotoren umkommen sahen oder andere Szenarien an die Wand malten. Ist diese Schar seit Fukushima mundtot geworden? Nein. Erst Ende Mai, also auch nach dem Super-Gau Mitte März in Japan, forderte der Landesverband Gegenwind Schleswig-Holstein auf einer gut besuchten Jahreshauptversammlung in Hamdorf den sofortigen Stopp zum Bau weiterer Windkraft-Industrieanlagen. Die Lübecker Nachrichten sprachen mit dem ersten Vorsitzenden, Frank Jurkat aus Schiphorst.
Lübecker Nachrichten: Wie lange gibt es Ihren Verband schon?
Jurkat: Die Gründungsversammlung war am 15. Februar 2009.
LN: Wieviele Mitglieder haben Sie?
Frank Jurkat: Wir haben derzeit rund 120 Einzelmitglieder, davon etwa 35 Bürgerinitiativen.
LN: Wo würden Sie sich mit Ihrem Verband Gegenwind politisch einordnen?
Jurkat: Bei uns engagieren sich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und dem gesamten politischen Spektrum – von den Linken und der SPD über die Grünen bis zur CDU/CSU und FDP. Wir hatten sogar schon ein prominentes Grünen-Mitglied, das vor die Wahl gestellt wurde, entweder bei uns zu bleiben oder aus seiner Partei ausgeschlossen zu werden. Es hat sich dann gegen uns entschieden.
LN: Sind Sie für den Ausstieg aus der Atomenergie?
Jurkat: Definitiv. Dafür habe ich schon vor 20, 30 Jahren gekämpft und demonstriert. Den Ausstieg begrüße ich.
LN: Also alle Kraft in die Windenergie!?
Jurkat: Windkraftanlagen ersetzen keine Kernkraftwerke. Die heutigen 24 AKW haben eine Leistung zwischen einem und vier Gigawatt. Ein Gigawatt hat 1000 Megawatt. Eine kleine Windanlage hat aber nur eine Nennleistung von einem Megawatt. Die Nennleistung ist die erzielte Kraft unter optimalen Einflüssen, also 100 Prozent. Windanlagen erreichen lediglich 30 bis 60 Prozent der Nennleistung.
LN: Dafür gibt es eben auch mehr Windräder als Kernkraftwerke.
Jurkat: Eben. 2010 hatten wir in Deutschland eine Nennleistung von 27 000 Megawatt, also 27 000 Windräder. Dass damit der bisherige AKW-Strom ausgeglichen werden soll, ist eine Milchmädchenrechnung. Zumal wir Ersatzkraftwerke brauchen, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint.
LN: Welche Rolle sollte also Windenergie in Zukunft spielen?
Jurkat: Gar keine. Das ist Ressourcenverschwendung. Zur Zeit wird blind in Windkraftanlagen investiert wie in den 1970er Jahren in die Atomenergie, ohne dass man sich Gedanken über mögliche Nachteile macht oder gemacht hat. Beispielsweise benötigt man für eine 1,5 Megawatt-Windanlage ein Fundament von 14 bis 16 Metern Länge, zwei bis drei Metern Tiefe, das circa 750 Tonnen schwer ist (Quelle: http://www.wind-energie.de)
. Welche Folgen diese riesigen Fundamente für das Grundwasser oder die Bodenstruktur auf lange Sicht haben, ist noch gar nicht erforscht.
LN: In Bürgerwindparks zu investieren, gilt heute nicht nur moralisch-ethisch, sondern durchaus auch finanziell als attraktiv . . .
Jurkat: Gehen wir von einem Park mit zehn Anlagen von 132 Metern Höhe (Rotorspitze) aus. Der kostet bei 3,8 Millionen Euro pro WKA 38 Millionen Euro. Eine Kommanditgesellschaft muss 25 Prozent der Mittel an Eigenkapital aufbringen, also 9,5 Millionen. Der Rest, 28,5 Millionen, wird durch Bankenkredite finanziert. Wenn 200 Bürger eines Ortes sich zusammenfinden, müsste jeder 47 500 Euro einzahlen, um auf die 9,5 Millionen zu kommen. Das wird fast nie erreicht. Im Dorf Dingen in Süderdithmarschen haben 90 Anwohner Anteile für 2,4 Millionen Euro erworben. Das ist nicht mal der Investitionswert einer einzigen WKA. Kann man da von einem Bürgerwindpark sprechen?
LN: Und wenn Großinvestoren Offshore-Anlagen im Meer bauen?
Jurkat: Ich weiß. Da sind zwischen 20- und 50 000 WKA geplant, 3 bis 5 Megawattanlagen jeweils. Deren Fundamente müssen noch gewaltiger als die an Land sein. Land-Windmühlen sind ausgelegt für eine Betriebszeit von 20 Jahren, die im Meer nur für 15 Jahre. Dann müssen sie eigentlich zurückgebaut werden. Wie soll das praktisch gehen? Und denken Sie auch an die Wartung der Offshore-Anlagen, das wird alles per Hubschrauber gemacht. Was da allein an Energie verschwendet wird . . .
LN: Was halten Sie von dezentraler Energiegewinnung, also viele kleine Anlagen, die nur die regionale Umgebung versorgen?
Jurkat: Klimaforscher haben bereits festgestellt, dass es seit 2000 erst zwei windstarke Jahre gab und auch 2011 als windschwaches Jahr anfängt. Das bedeutet für die Windkraft-Lobby, die Anlagen müssen noch höher gebaut werden. Höher heißt teurer. Das erinnert an den Turmbau zu Babel!
LN: Ist Ihnen schon vorgeworfen worden, Sie würden das St. Florians-Prinzip vertreten? Also grundsätzlich für erneuerbare Energien, aber bitte nicht vor meiner Haustür!?
Jurkat: Natürlich haben wir diese Diskussion auch schon geführt, vor allem mit den Bundesländern, die sagen, ihr in Norddeutschland habt doch den meisten Wind. Wir wollen aber überhaupt nirgendwo Windkraftanlagen – weder im Norden, noch in Bayern oder im Saarland. Windkraft ist einfach ökonomischer und ökologischer Dummfug. Genau so ein Unsinn wie gerade der E10-Sprit an den Tankstellen. Beides hilft keinem. Damit werden wir kein einziges Atomkraftwerk abschalten.
LN: Welche Alternativen sehen Sie zur Windenergie?
Jurkat: Da bin ich kein Fachmann. Aber der Vorteil bei der Erdwärme wäre, dass diese Energie kontinuierlich existent ist. Allerdings ist es auch nicht billig, so tief zu bohren. Im Moment kommen wir aber an den fossilen Brennstoffen wie Erdöl und Gas nicht vorbei.
LN: Und was ist mit Biogas?
Jurkat: Da werden doch im Grunde Lebensmittel verbrannt. Fakt ist auch, dass Rohstoffe wie Zuckerrohr importiert werden muss, wenn die Maisvorräte nicht ausreichen. Und das wird passieren, wenn wir nicht Mais als Monokultur, sondern eine normale Fruchtfolge auf den Feldern haben wollen.
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