Gestern musste sich der früher von den Mitgliedern der Kirchengemeinde geschätzte Kirchenmusiker wegen seiner verbotenen Neigungen vor dem Schwarzenbeker Jugendschöffengericht verantworten – unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Die Staatsanwaltschaft hat Andreas F. in 15 Fällen von sexuellem Missbrauch angeklagt, die sich zwischen Herbst 2008 und Januar 2010 ereignet haben sollen. Ganz bieder kam F. diesmal daher, nahm auf der Anklagebank Platz und scheute den Blickkontakt zu Lisa S., die ihm in die Augen sehen wollte.
Die Mutter eines weiteren Mädchens berichtete gestern vor Gericht: Auch ihrer Tochter und anderen Konfirmandinnen soll sich der Kirchenmusiker vor 15 Jahren eindeutig genähert haben. „Uns hat man damals von Seiten der Kirche an den Pranger gestellt, als wir das öffentlich machen wollten“, sagte die Frau, die mittlerweile in Ratzeburg lebt. Abends um 22 Uhr hatte sie der Pastor zuhause besucht und ihr deutlich gemacht, so die Frau, dass man den Ausführungen ihrer Tochter keinen Glauben schenken würde. Aus Angst um die Zukunft ihrer Tochter habe man dann tatsächlich von einer Anzeige abgesehen. „Unsere Mädchen wollten doch weiter in Geesthacht leben können“, sagte sie
Den Pastorenbesuch gab es auch im Fall Lisa S. aus Geesthacht. Damals kam die Pastorin abends zur Mutter der Neunjährigen, versuchte, sie von einer Anzeige abzubringen. Doch die Mutter des blonden Mädchens ließ sich nicht beirren und ging zur Polizei. „Zwei Mal habe ich ausgesagt, einmal in Geesthacht, einmal in Ratzeburg“, sagte die 19-Jährige im Gericht, wo sie als Zeugin geladen war. Doch das Verfahren fand mangels Beweisen keinen Abschluss. Die Kirche stand weiter zu ihrem Kantor, Andreas F. musizierte freudig weiter und soll sogar versucht haben, zur Mutter des Mädchens eine Beziehung aufzubauen. Bis zum 12. Februar 2010 ging das Leben von F. ohne Schwierigkeiten weiter. Damals wurden neue Ermittlungen der Polizei gegen den 46-Jährigen publik. Ein Mädchen (damals 14) hatte sich ihrer Mutter anvertraut und erklärt, F. habe zu ihr, seit sie 13 Jahre alt war, 15 Mal sexuellen Kontakt gehabt. Die Frau zeigte den Kantor bei der Polizei an und brachte endlich konsequente Ermittlungen auf den Weg, die den Kantor gestern schließlich vor das Schöffengericht brachten.
Der Kantor wurde damals von der Kirche, die vor dem Hintergrund zahlreicher bekannt gewordener Missbrauchsfälle im vergangenen Jahr deutschlandweit aufgeschreckt war, sofort suspendiert. Die 14-Jährige hatte er für privaten Musikunterricht im Haus ihrer Eltern besucht und sich ihr dabei immer wieder unsittlich genähert.
Die Details der Übergriffe blieben gestern im Gerichtssaal. Amtsgerichtdirektor Suntke Aden, der dem Schöffengericht vorsaß, machte wie erwartet den Vorschlag, die Öffentlichkeit von der Verhandlung auszuschließen, um die persönlichen Lebensbereiche der Beteiligten zu schützen.
„Ich habe meine Aussage gemacht und Herr F. hat da nur gesessen und mit dem Kopf geschüttelt. Er hat nichts zugegeben“, sagte Lisa S. unserer Zeitung. Die 19-Jährige hofft, dass der Musiker verurteilt wird und anderen Mädchen dadurch solche Erlebnisse wie sie und die anderen Opfer sie machen mussten, erspart bleiben. Der Prozess wurde gestern Nachmittag vorerst unterbrochen. Es wurde mehrere Beweisanträge gestellt, nach deren Klärung eine Fortsetzung anberaumt werden soll. Wann das Urteil fällt, ist noch unklar.
Andreas F. stand seit 1989 in Diensten der Kirche. Zunächst an St. Petri, nach der Fusion mit St. Salvatoris zur Kirchengemeinde Geesthacht auch dort. In den Musik- und Konfirmandengruppen gab F. auch Einzelunterricht und betreute Ferienfreizeiten. Vor Gericht ließ er sich von dem Möllner Rechtsanwalt Thies Herzberg vertreten.
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