Die Eisdecke der Elbe schimmert hell im Mondlicht. Es ist vier Uhr morgens am Auedeich in Hamburg-Finkenwerder. Unten, festgefroren im Wasser, liegt der Eisbrecher „Büffel“. Die Brücke des kleinen Schiffes ist erleuchtet und draußen, an der Reling, macht Matrose Tino Lange (21) gerade die Leinen los. „Da kommen wir schon raus“, bemerkt er zuversichtlich mit einem Blick auf die gefrorene Elbe. Zehn Zentimeter dick ist das Eis, das die „Büffel“ umgibt.
Doch der mit 32 Metern Länge eher kleine Eisbrecher ist nicht allein. Neben ihm stößt plötzlich die „Widder“ rückwärts aus dem Dunkel in die Elbe vor, es folgen „Keiler“ und „Elch“. Das Eis bricht, schwarze Rauchwolken steigen aus den Schornsteinen der stabilen Boote. Wie eine Gruppe angriffslustiger Flusspferde steuern sie mit überraschender Geschwindigkeit auf den Hamburger Hafen zu. Insgesamt sind es acht Eisbrecher, die sich nun auf den Weg machen. Sie gehören zum Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Lauenburg. Ihr Auftrag: die Süderelbe eisfrei halten. So weit das irgend geht.
Der Einsatzbereich geht
bis Geesthacht
Einsatzleiter Andreas Schultz (44) ist da nicht übertrieben optimistisch. Theoretisch geht der Einsatzbereich elbaufwärts bis Geesthacht. „Die ganze Süderelbe ist zugefroren“, erklärt er die Lage. „Das Eis muss aber durch die Norderelbe ins Meer abfließen. Sonst würden Brücken, Uferbefestigungen und Deiche beschädigt.“
Das Problem: Die Eisschicht ist durch die tagelangen, hohen Minusgrade so dick gefroren, dass selbst die Eisbrecherflotte an ihre Grenzen stößt. Seit Freitag voriger Woche schon sind Schultz und seine Kollegen rund um die Uhr im Einsatz. „Gestern waren wir bis Harburg. Mal sehen, wie weit wir heute kommen.“ Er weiß: Da draußen, außerhalb des Hafengeländes, türmt das Eis sich drei bis vier Meter hoch. „Scholleneis“, sagt Schultz. „Wie eine Barriere. Da müssen wir Anlauf nehmen, vier Schiffe nebeneinander. Und dann boxen wir uns da durch.“ So mächtig wie dieses Jahr war der Eispanzer noch nie, meint er, und er ist 23 Jahre im Dienst. „Aber so was hab’ ich noch nicht gesehen.“
Die Boote umrunden die Lotsenstation, nehmen Kurs auf die Landungsbrücken. Dort, wo die Süderelbe abzweigt, noch im Hafenbecken, beginnen die Eisbrecher ihre Arbeit. Mit kreiselnden Bewegungen pflügen sie durch das Eis, lassen es vor sich bersten und zerkleinern die Schollen.
Ein riesiges Containerschiff zieht vorbei, in Richtung See, und hinterlässt eine breite Schneise. Die meisten Schiffe aber kommen längst nicht mehr durch. „Zehn Zentimeter Eisdecke, mehr geht meist nicht“, weiß Schultz. Die „Büffel“ und ihre Schwesterschiffe aber haben einen besonders starken Bug – zehn Zentimeter dick – und er ist durch viele Spanten verstärkt. Außerdem ist der Schiffdiesel für die Größe des Bootes ziemlich stark: Er leistet 1160 PS, sagt Schultz. „Das reicht.“
Die kleine Flotte aus Lauenburg passiert das Containerterminal Altenwerder, an dem sich über dem taghell beleuchteten, gewaltigen Hapag-Lloyd-Frachter „Prague-Express“ die Kräne drehen. Container werden verladen.
„Der Betrieb muss weitergehen“, kommentiert Schultz. „Auch deshalb sind wir da.“ Und weil das Eis gegen die Strömung gebrochen werden muss. Die Flotte hat er deshalb rechtzeitig vor dem Frost in den Hamburger Hafen verlegt.
Der Morgen graut, als die Boote Hamburg-Moorburg erreichen. Hier, vor dem Rohbau des neuen Kraftwerks, hat sich der Fluss in eine geschlossene, weiße Wüste verwandelt. „Jetzt sind wir in den Alpen“, murmelt Steuermann Thorsten Pätow (41). „Nur die Spitzen der Eisschollen sind zu sehen. Zwei Drittel sind unter Wasser.“
Die Eisbrecher reihen sich nebeneinander auf, nehmen Anlauf. Es knirscht und schrammt. Die „Büffel“ zittert leicht, während sie sich vorarbeitet. Das Eis scheint sich nicht zu bewegen. Nur wenige Meter – dann steckt das Boot fest. Rückwärts beginnt es sich herauszuarbeiten. Dann nehmen die Schiffe erneut Anlauf. Bis schließlich große Schollen herausbrechen, die nun zerkleinert werden können.
Während vier Schiffe vorne die Eisbarriere knacken, „rühren“ die anderen hinten und sorgen dafür, dass nicht alles gleich wieder zufriert. Ein harter Job. Die Männer leben in dieser Zeit auf dem Schiff. Sie schlafen in Zwei-Kojen-Kabinen, haben nur einen Spind für ihre persönlichen Sachen.
Nudeln mit Chili und
Knoblauch für die Crew
In der Küche steht Maschinist Peter Voß (61), er ist heute mit Kochen dran. Die Crew wechselt sich ab mit dem Küchendienst. Heute gibt es Spaghetti, verrät Voß. Er hat Olivenöl in zwei Pfannen gegeben, dazu etwas Chili und Knoblauch. „Da drin werden die Nudeln angebraten. Das muss reichen. Mehr gibt’s nicht.“ Schiffsführer Michael Kropat (41) freut sich schon drauf. „Da bleibt nichts übrig“, meint er.
Gegen 11.30 Uhr drehen die Eisbrecher ab und fahren zurück zum Stützpunkt, um Treibstoff zu bunkern. Rund 1000 Liter pro Tag braucht allein die „Büffel“ im Einsatz. Gegen 16 Uhr wird die nächste Schicht beginnen. „Wir fahren mit der Tide“, so Schultz. Er lächelt müde. Der Kampf gegen das Eis muss weitergehen, nonstop. Bis es taut. Und das kann dauern.
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