Da traut man seinen Augen nicht: Es ist halb drei nachmittags, die Temperaturen haben sich bei minus fünf Grad eingependelt und Ulrich Ehlers hackt sich an der Falkenwiese mit dem Beil ein Loch ins Eis, steigt erst in die Badehose und dann ins Wasser: „Da wirst du fit wie ein Turnschuh“, sagt der 61-jährige Altenpfleger ohne Zähneklappern und erwähnt, ohne dass dabei seine Lippen blau anlaufen, dass er sich diese eisige Tortur seit zwei Jahren zweimal in der Woche gönnt. Seinen „Rekordtauchgang“ hatte Ehlers, der sich kaum an eine Erkältung erinnern kann, bei minus 16 Grad.
Wenige Schritte weiter kniet Detlef Hackert in unmittelbarer Ufernähe auf dem Eis. Er hat kein Beil in der Hand, dafür aber einen Akkubohrer. Der 45-jährige Fotograf und Hobby-Gewässerexperte, misst die Eisdicke. Dort, wo Ulrich Ehlers eben noch bis zum Hals im Wasser stand, ist das Eis acht bis zehn Zentimeter stark. Doch Hackert warnt: „Ein paar Meter weiter kann man zu ganz anderen Messergebnissen kommen.“ Der 45-Jährige tritt den Beweis an. An einem Bootsanleger 200 Meter weiter bricht das Eis bereits, als Hackert den Bohrer ansetzt: Nur zwei Zentimeter dünn ist die Eisschicht. „Keiner weiß auf der Wakenitz, wie dick das Eis ist, über das man gerade geht“, mahnt Hackert, der seit 25 Jahren Taucher ist – auch unter dem Eis.
Seit fünf Jahren erforscht der Lübecker, der am Wakenitzufer wohnt, in der Winterzeit das Eis des Flusses. In den vergangenen Wintern sei die Wakenitz gleichmäßig zugefroren, doch in diesem Winter habe sich das Eis „extrem spät“ gebildet. Noch vor zwei Tagen habe es große offene Wasserflächen gegeben.
Dass die Eisflächen auf der Wakenitz und der Trave so tückisch sind, liegt daran, dass sie Flüsse bedecken. Die Wakenitz hat seit einigen Tagen einen sehr hohen Wasserstand, dadurch hat sich die Fließgeschwindigkeit erhöht. Dort, wo der Fluss eine besonders starke Strömung habe, sei das Eis auch ganz besonders dünn, erzählt Hackert. Hinzu kommt, dass sich in der Wakenitz Faulgase bilden. Gaseinschlüsse würden das Eis porös machen. Und außerdem frieren die einzelnen Eisschichten aufgrund des wechselnden Wasserstands nicht gleichmäßig zusammen. Es gibt eine weitere Gefahrenquelle: Dort, wo die Wakenitz Zuflüsse hat, kann das Eis von einem Meter zum anderen auf Fensterglasstärke schrumpfen. Hackert: „Du kannst an einer Stelle sicher auf dickem Eis stehen, und 50 Meter weiter durchbrechen.“
Der Eisexperte ist davon überzeugt, dass es bei gleichbleibendem Frost noch „mindestens“ eine Woche dauern wird, bis das Eis tragfähig ist. Doch das „mindestens“ will er dreifach unterstrichen sehen. „Für die Tragfähigkeit einer Eisfläche auf einem Fluss kann niemand garantieren und schon gar nicht die Haftung übernehmen“, sagt Hackert.
Die Schneeschicht über der Eisfläche täuscht trügerisch Sicherheit vor. Die Wakenitz zwischen Falkenwiese und Drägerpark wirkt wie eine zugeschneite Wiese. Doch die Schneeschicht isoliert das Eis und trägt dazu bei, dass es noch langsamer an Stärke gewinnt. Eltern sollten deshalb ihre Kinder vor den großen Gefahren warnen und vor allem nicht mit schlechtem Beispiel vorangehen. „Weg vom Eis“, heißt die Devise.
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