Lübecker Nachrichten: Die sechsten Lübecker Jugendbuchtage liegen gerade hinter Ihnen. Sind Sie mit der Resonanz zufrieden?
Martin Gries: Wir sind sehr, sehr zufrieden und hatten insgesamt 1700 Besucherinnen und Besucher.
LN: Wie erklären Sie sich den Erfolg dieses fünftägigen Festivals?
Gries: Der Grundgedanke unseres Vereins „Bücherpiraten“ ist ja, dass die Kinder und Jugendlichen so viel wie möglich selber machen. Entsprechend haben 14 Jugendliche die Bücher, die in den vergangenen Tagen präsentiert wurden, ausgewählt. Sie fanden die Themen einfach spannend und haben wohl somit auch den Nerv des Publikums getroffen.
LN: Aber trotz vieler Neuerscheinungen pro Jahr zu sehr jugendrelevanten Themen nimmt die Zahl der Nichtleser in den jungen Altersgruppen weiter zu . . .
Gries: Das ist unbestritten. Die Zahl der sogenannten Bildschirmzeiten, also die Zeit, die junge Menschen vor dem Computer und dem Fernseher täglich verbringen, wächst ständig. Um diesem Trend entgegenwirken zu wollen, hat sich auch vor rund zehn Jahren der Verein gegründet. Ein Buch hat einfach Vorteile, die kein anderes Medium hat. Es verschafft mir eine eigene Geschwindigkeit; ich baue mir meine ganz eigene Welt; Fantasie wird angeregt. Dies schaffen sowohl Computerspiel als auch Film nicht – sie geben Bilder, die nicht formbar sind, vor.
LN: Könnte die Verpackung des Lesestoffs in Form eines elektronischen Buches, Stichwort E-Book, das ich via Computerbildschirm lesen kann, mehr junge Menschen zu Lesern machen?
Gries: Ein interessanter Aspekt – erst letzte Woche hatten wir eine Anfrage von einem Buchmagazin an unsere Jugendlichen, welche Erfahrungen wir mit sogenannten E-Book-Readern haben. Und wir haben in allen Jugendgruppen gefragt, wer einen Tablet-PC besitzt und wer schon einmal ein Buch in elektronischer Fassung gelesen hat. Beide Fragen wurden von allen verneint. Das E-Book, das ich nicht als Gefahr für die gedruckten Exemplare ansehe, könnte als Leseanreiz helfen, es ist meiner Meinung nach aber kein Patentrezept.
LN: Haben Sie Tipps, wie Kinder ans Lesen herangeführt werden können?
Gries: Wir schulen ja ehrenamtliche Helfer, Erzieherinnen et cetera in Seminaren. Wir geben ihnen immer die Botschaft mit auf den Weg „Lasst die Kinder selber ihr Buch aussuchen“. Denn Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder zu ganz anderen Büchern greifen als Eltern, Großeltern, Erzieher, also als Erwachsene. Kinder wissen einfach besser, was sie gerade bewegt.
LN: Und wie kann die Basis bei Kindern schon in frühen Lebensjahren gelegt werden?
Gries: Wissenschaftlich gesehen ist das so, dass es keinen besseren Start ins Buchleben gibt als regelmäßiges Vorlesen.
LN: Empfehlen Sie Eltern, den Fernseher vom Kind fernzuhalten, weil TV-Konsum dem Lesen abträglich ist?
Gries: Ich bin da nicht so rigoros, damit das Fernsehen nicht so einen „Bonbon-Effekt“ bekommen soll. Wenn es verboten wird, wird es besonders „süß“. Ich plädiere eher dafür, den Umgang mit dem Medium zu lernen und somit eine Kompetenz fürs Leben zu erwerben. Aber: Die Familien sollten sich nicht vom TV-Programm den Tagesablauf diktieren lassen. Ich habe schon häufiger von Eltern gehört, dass der Festplatten-Recorder den Abendbrottisch gerettet habe. Eine ähnliche Einstellung teile ich beim moderaten Computerkonsum.
LN: Haben Sie schon das Gefühl, mit ihrer Lese-Mission alle Stadtteile in Lübeck erreicht zu haben?
Gries: Das lässt sich natürlich schwer nachprüfen. Ich würde aber schon sagen, dass bei uns Kinder und Jugendliche mitmischen, die aus ganz Lübeck kommen.
LN: Wenn Sie ein Jahrzehnt zurückdenken, also an die Vereinsgründung – war so ein Erfolg, wie er sich jetzt darstellt, zu erwarten?
Gries: Nein, absolut nicht. Allerdings war dies noch die Zeit vor der Pisa-Studie. Die Ergebnisse der Untersuchung haben dann ja viele aufgerüttelt. Unsere erste Veranstaltung – das erste Kinder- und Jugendliteraturfestival – war im Mai 2003; da haben wir ein Zirkuszelt aufgebaut. Das Festival wurde dann auch gut angenommen. Unser Schwerpunkt lag damals allerdings auf Kinderbüchern. Diese Bücher fanden Jugendliche uninteressant. Seitdem haben wir ein Festival für Kinder und eines für Jugendliche. Bei beiden suchen heute eben nicht die Erwachsenen die Bücher aus, sondern die Kinder beziehungsweise die Jugendlichen.
LN: Aber die Arbeit der Bücherpiraten beschränkt sich ja nicht nur auf das Festival . . .
Gries: Stimmt. So haben wir noch zwei Projekte in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, die sich im Kindergartenbereich bewegen. Wir haben mittlerweile zwölf Kinder- und Jugendgruppen, für das Alter von acht bis 19 Lebensjahren, die sich mit Literatur und Schreiben befassen. Wir haben eigene Rezensions-Publikationen. Und mittlerweile mit dem Kinderliteraturhaus in der Fleischhauerstraße 71, das seinesgleichen in Deutschland sucht, ein eigenes Zuhause und einen zentralen Treffpunkt. Vorher waren wir räumlich über sechs verschiedene Orte in der Stadt verteilt.
LN: Das Kinderliteraturhaus, in das sie vor knapp einem halben Jahr einziehen konnten, war also ein Meilenstein für ihre Arbeit?
Gries: Mehr als das. Es ist einmalig. Wir hatten gerade eine Autorin aus England da; die hat nur gesagt, sie wolle gar nicht wieder weg. Im Wettbewerb „Land der Ideen“ ist dieser Ort gerade als etwas sehr besonderes in Deutschland ausgezeichnet worden. Und eins muss man immer wiederholen – wir finanzieren uns ohne jegliche öffentliche Mittel.
LN: Warum nennen Sie sich eigentlich „Die Bücherpiraten“, und nicht zum Beispiel „Die Bücherwürmer“ oder „Die Leseratten“?
Gries: Die Piratenwelt ist bei Kindern eine ähnlich fantastische Welt wie die von Cowboy und Indianer oder die Prinzessinnen-Welt et cetera. Zudem hat sie etwas abenteuerlustiges. Wir entern Bücher; sie sollen nicht zerredet oder analysiert werden, sondern entdeckt werden.
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