Grass: „Russen liquidierten sechs Millionen Deutsche“
Günter Grass in seinem Atelier in Behlendorf. Über sein neues Interview ist Streit entbrannt.
Foto: NDR
Es ist ein merkwürdiges Interview, das Günter Grass dem israelischen Journalisten und Historiker Tom Segev gegeben hat. Der lange Text, der in der in Jerusalem erscheinenden liberalen Zeitung „Haaretz“ erschien, ist geprägt durch die Spannung zwischen dem Fragenden und dem Antwortenden. Geführt wurde das Interview anlässlich des Erscheinens der israelischen Ausgabe von „Beim Häuten der Zwiebel“, dem Buch, in dem Günter Grass seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS publik gemacht hatte. Grass reagiert gereizt auf die Fragen von Tom Segev zu diesem Thema, der wiederum reagiert gereizt auf Grass’ Einlassungen, die Deutschen seien im Zweiten Weltkrieg nicht nur Täter, sondern auch Opfer gewesen. Die Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ durch ein sowjetisches U-Boot, bei der wohl mehr als 10 000 Menschen ums Leben kamen, wird von Grass erwähnt. Ebenso die Tatsache, dass ein großer Teil der Deutschen nach der Nazi-Diktatur direkt unter die kommunistische Diktatur fielen. Dafür wirft Tom Segev ihm vor, dass er in seinen Erinnerungen in „Beim Häuten der Zwiebel“ den Massenmord an den Juden kaum erwähne. Diese Kontroverse gipfelt dann in den Sätzen, die jetzt die scharfe Kritik an Grass heraufbeschworen haben. Der Wahnsinn und das Verbrechen seien nicht auf den Holocaust beschränkt gewesen, sagt Grass in dem Interview. Als Beispiel nennt er die 14 Millionen deutschen Vertriebenen und das Schicksal der in sowjetische Gefangenschaft geratenen deutschen Soldaten: „Von acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt, der Rest wurde liquidiert.“ Im Deutschlandradio Kultur äußerte sich zu diesem Punkt Michael Wolffsohn, Historiker an der Bundeswehr-Universität München. Wolfssohn zufolge ist von drei Millionen deutschen Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft auszugehen. Davon seien zwischen 700 000 und 1,1 Millionen verhungert – nicht jedoch liquidiert worden. Es wäre besser, wenn Grass sich weiterhin auf Fiktion als auf vermeintliche Fakten konzentriere, sagte Wolffsohn weiter. „Dieses Aufrechnen ist unerträglich“, so der Historiker. Es sei unbestreitbar, dass Millionen Deutsche im Zweiten Weltkrieg gelitten hätten und selbstverständlich gelte auch Empathie für deutsche Opfer. „Aber da müssen Ursache und Wirkung geklärt sein.“ Man könne nicht sagen „Naja, also Ihr habt gelitten und wir auch und damit sind wir quitt“.
Auch der Historiker und ehemalige Leiter des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst, Pater Jahn, rügt Günter Grass’ Umgang mit der Geschichte. In der „Süddeutschen Zeitung“ schreibt Jahn, es sei unerträglich, dass bei Grass der Mord an sechs Millionen Juden und der frei erfundene „Mord“ an sechs Millionen deutschen Kriegsgefangenen auf einer Stufe stehe. Der Umgang der Wehrmacht mit den sowjetischen Gefangenen sei ein weiteres deutsches Groß-Verbrechen: Von 5,7 Millionen gefangenen Russen starben mehr als drei Millionen, „die meisten durch Hunger trotz hinreichender Ressourcen“.
Fakten, die man nicht wegdiskutieren kann, Fakten, in denen sich Günter Grass wohl verirrt hat. Denn böse Absicht kann man ihm wohl kaum unterstellen.
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