Wenn’s dunkel wird in der Stadt an der Trave und sich der Tag purpurfarben von den Altstadtinsulanern verabschiedet, haben sie ihren großen Auftritt – 344 Gaslaternen hüllen Lübecks dunkle Gassen in zartes Licht. Damit das so bleibt, legt sich Lübecks Leuchtenwärter Peter Fiege (52) jetzt ins Zeug. Es ist Zeit für die erste große Generalinspektion an Lübecks Gaslaternen.
„Da hat sich ein Anwohner in der Straße Großer Bauhof aber gewundert. Plötzlich war die Lampe weg“, berichtet Fiege. Der Lübecker habe das Fehlen seiner Laterne bemerkt und gleich den Bereich Verkehrswegebeleuchtung der Hansestadt eingeschaltet. Dort konnte man den Mann beruhigen. Lübecks Gaslaterne am Bauhof sei nicht gestohlen worden. Sie wurde einfach abmontiert und in die Lampenwerkstatt gebracht.
Wenn Fiege von Lübecks Gaslaternen erzählt, dann spricht der stämmige Handwerker fast liebevoll von „seinen Leuchten“. Kein Wunder, er kümmert sich seit über 25 Jahren um Lübecks Leuchtenschatz. Fiege kennt jede Laterne, und er kennt ihre kleinen Macken und Sperenzchen. Er kennt sich aus mit den alten Ritterleuchten aus den 50er Jahren und den noch älteren Aufsatzbügelleuchten.
Bis 2009 war Fiege jeden Abend mit einem Kollegen unterwegs. „Was abends aus war, haben wir tagsüber ersetzt“, sagt der Lübecker. Nun habe die Stadt den Wartungszyklus der Gaslaternen verändert. „Optimiert“, unterstreicht Sachgebietsleiter Christian Scholz (43). So werde nicht mehr täglich nach den Leuchten geschaut, sondern einmal in der Woche. Scholz versichert: „Wir steuern jetzt jede einzelne Lampe in der Woche einmal an und dokumentieren jeden Fehler.“ Einmal in vier Jahren gebe es zusätzlich eine große Generalinspektion. Fiege werkelt seit Mai an seiner ersten Generalinspektion. Seine Diagnose am lübschen Leuchtensystem fällt nüchtern aus: „Aufarbeitungsbedürftig.“
Viele Gaslaternen seien von Innen verschmutzt und marode. „Mücken, Spinnennester und der ganze Dreck verstopfen die Düsen“, erklärt Fiege in der Werkstatt am Ratekauer Weg. Hier lagert Lübecks Lampenschatz. Darunter auch fünf Vorkriegsmodelle, Marke Wartburg. Die Oldies von 1910 haben Fiege und seine Kollegen vorm Verschwinden gerettet. Nach ihrer Restaurierung sollen sie wieder in neuem Glanz erstrahlen, irgendwo an exponierter Stelle.
In Fieges Werkstatt bekommen die alten Gaslampen neuen Schliff. Alte Motoren und Dämmerungsschalter werden durch Platinen und Fotozellen ersetzt. Hanfdichtungen werden getauscht, Glühstrümpfe ersetzt. „Früher konnte man die Glühstrümpfe noch mit der Hand anfassen, so dick waren die“, sagt Fiege und zeigt einen hauchdünnen Strumpf aus Indien, der jetzt die Nacht erhellen soll. Lübecker lieben ihre Leuchten. „Gerade in den Gängen freuen sich die Älteren über das warme Licht der Laternen und einen kleinen Klönschnack“, sagt Peter Fiege. Manchmal bringt ihm auch ein Anwohner eine Tasse Kaffee an die Leiter. Sein Vorgänger, Otto Schladitz, wurde mit Zigarren für seinen Feuereifer belohnt.
In vielen Straßenzügen hat der Glühstrumpf längst ausgedient. Neue Technik versteckt sich in historischem Gewand. Wie an der Obertrave. Dort erhellen Energiesparlampen die malerische Kulisse. „Warum hat man hier eigentlich die Gaslaternen weggenommen?“, fragt sich Fiege. Und in der Straße An der Mauer haben die Gaslaternenmonteure sogar schon ein mal LEDs verbaut. Ist das Wildwuchs bei Lübecks Leuchtstoffen? „Nein“, beruhigt Elektroingenieur Christian Scholz. Keine Gaslaterne werde mehr mit neuen Leuchtmitteln bestückt. „Gas bleibt Gas. Das ist unsere Philosophie.“
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