Zum Schluss landete Alexandra Dinges-Dierig einen Volltreffer. Gefragt, wo sie Bernd Saxe in einer Fußballmannschaft aufstellen würde, sagte die Kandidatin der CDU: „Er ist vielseitig, legt sich nicht gerne fest. Ich würde ihn als Ersatzspieler beschäftigen.“ Das Publikum, gut 500 Lübecker waren zum Duell in die Petri-Kirche gekommen, johlte vor Vergnügen. Ersatzspieler Saxe zeigte sich als fairer Sportsmann. „Ich bezeuge meinen Respekt für eine clevere Antwort“, sagte der Amtsinhaber.
Er hatte einen schweren Stand beim zweiten LN-Forum zur Bürgermeisterwahl. Die LN-Moderatoren Josephine von Zastrow und Lars Fetköter baten die Zuschauer nach jedem Themenblock um Applaus – als Gradmesser für ihre Zufriedenheit. Bei Finanzen und Familienpolitik holte Saxe ein knappes Unentschieden, bei den Themen Flughafen und Investitionen landete Dinges-Dierig klar vorne.
Den deutlichsten Unterschied zwischen den beiden Bewerbern gibt es bei der umstrittenen Bebauung der Nördlichen Wallhalbinsel. Die CDU-Politikerin erteilte dem von der Bürgerschaft beschlossenen Konzept mit Luxuswohnungen eine Absage. „Das ist keine Weiterentwicklung“, kritisierte die 58-Jährige, „hier muss man etwas ganz anderes machen.“ Außerdem gefährde das städtische Konzept umliegende Industriearbeitsplätze. Saxe warnte davor, „hier Apokalypse zu spielen“. Das 150-Millionen-Projekt sei attraktiv und werde eine große Nachfrage finden.
Auch beim Dauerbrenner Grünstrand in Travemünde sind sich die beiden Politiker nicht grün. Der 57-jährige Rathaus-Chef will die Hälfte des 21 000 Quadratmeter großen Grundstücks verkaufen. Sobald ein konkreter Investor gefunden sei, würden die Bürger befragt. Der SPD-Politiker überraschte mit der klaren Ansage: „Wenn die Bevölkerung Nein zur Bebauung sagt, ist das Projekt gestorben.“ Seine Herausforderin will den Grünstrand „im Moment nicht bebauen“. Es gebe andere Flächen wie das Leuchtenfeld, die vorrangig entwickelt werden könnten.
Entscheidungskraft sei ihre Haupttugend, erklärte Dinges-Dierig in der Aufwärmrunde in der kalten Kirche. Das wurde zumindest bei den Fragen zur Finanznot der Hansestadt nicht deutlich. Vergeblich mühten sich die Moderatoren um konkrete Angaben, wo die CDU-Politikerin denn nun den Rotstift ansetzen wolle. Dinges-Dierig will vergleichen, ob andere Städte für die Erfüllung gesetzlicher Aufgaben weniger Geld brauchen als die Verwaltung Lübecks. Außer „bei den Löchern in den Straßen“ sei den Bürgern die dramatische Lage der Hansestadt noch nicht bewusst, berichtete die frühere Hamburger Bildungssenatorin von ihren Begegnungen im Straßenwahlkampf. Da konnte der Amtsinhaber ganz andere Geschichten erzählen. „Die Verschmutzung der Stadt, der Zustand der Grünflächen, die Personalnot in den Kitas“ zählte Saxe als Beispiele auf, wo den Bürgern der Schuh drückt. Saxe: „Die Bürger merken, dass wir nicht alles machen können, was wir wollen.“ Nur wie er das ändern will, erfuhr das Petri-Publikum nicht. Bis Ende nächsten Jahres wolle er eine Liste mit schmerzhaften Einsparungen vorlegen, versicherte der Verwaltungschef, der sich selbst in der Aufwärmrunde als entschlossenen Politiker charakterisierte.
Beim Thema Zukunft des Flughafens weigerte er sich aber beharrlich, „spekulative Fragen zu beantworten“. Der im Sinkflug befindliche Airport sei eine wichtige Infrastruktur, gleichwohl könne die Stadt ihn nicht dauerhaft subventionieren. Saxe machte klar, dass eine Abwicklung des Airports sowohl teuer als auch zeitaufwendig sei. „Keiner kann am 31. Dezember 2012 den Schalter umlegen, und dann ist es vorbei.“ Dinges-Dierig wollte ihre markigen Worte von einer Abwicklung, die sie vor einer Woche auf einer Kreismitgliederversammlung der Grünen getätigt hatte, nicht wiederholen. Ebenso wie Saxe sieht sie in Blankensee mittelfristig eine dritte Start- und Landebahn für den wachsenden Hamburger Flughafen. Nur mit Hamburg gebe es eine Zukunft. Dinges-Dierig: „Es war ein eklatanter Fehler, nach dem Bürgerentscheid eineinhalb Jahre verstreichen zu lassen.“
Zwei eindeutige Botschaften durfte das Publikum mit nach Hause nehmen. Die CDU-Kandidatin will, „dass grundsätzlich jede Gemeinschaftsschule den Weg zum Abitur ermöglicht“. Ihre Lübecker Parteifreunde haben jahrelang Gemeinschaftsschulen blockiert. Der SPD-Kandidat verspricht, dass 2013 die 35-Prozent-Quote bei den Krippenkindern erfüllt wird.
Am Sonntag haben die Lübecker die Wahl – Dinges-Dierig oder Saxe. Welchen Job die beiden anstreben, skizzierte Pastor Bernd Schwarze: „Sitzungen bis zum Morgengrauen, Rückenschmerzen, Aktendeckel.“
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