Es war noch nicht richtig hell, als Kirsten Fehrs (50) gestern in aller Frühe in Hamburg die Sportschuhe schnürte. Sechs Kilometer joggte sie an der Alster entlang. Die Anspannung aus dem Körper laufen. So begann der große Tag, an dem sie im Lübecker Dom offiziell zur Bischöfin für den Sprengel Hamburg und Lübeck werden sollte. Mittags sprach Fehrs dann doch von Lampenfieber. „Den Segen zu empfangen, ist ein so dichter Moment, dass ich innerlich aufgewühlt bin.“ Nochmal drei Stunden später bekannte sie auf der Kanzel erleichtert: „Ja, ich bin gerne Bischöfin.“ Und an die 1000 Besucher im vollbesetzten Lübecker Dom gewandt: „Ich wünschte, wir sind gemeinsam Bischöfin.“
Doch erzählen wir die Geschichte von Anfang an. Mehr als eine Stunde vor Beginn des Gottesdienstes sind bereits mehr als 300 Plätze im Dom besetzt. Die Lübecker wollen ihre neue Bischöfin kennenlernen. Fünf- bis sechsmal im Jahr wolle sie künftig in Lübeck predigen, hatte Fehrs angekündigt. Heute ist das erste Mal. Der Chor probt noch, die Orgel spielt schon. Und Karsten Fehrs (50), Ehemann der Bischöfin mit dem Markenzeichen rote Fliege, turnt durch die Stuhlreihen, um Verwandte und Freunde einzuweisen. Es sind nicht wenige.
Der feierliche Einzug. Ein buntes Bild. Die geistlichen Gäste sind weit angereist, kommen aus den baltischen Staaten, aus Tansania und Jerusalem. Fehrs’ Amtsbruder Gerhard Ulrich, diesmal in seiner Funktion als Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, erinnert an die Wunde, dass Lübeck nach Jahrhunderten seinen Status als Bischofsstadt verloren hat. „Diese Stadt wartet in besonderer Weise auf eine Bischöfin.“ Dann skizziert Ulrich vor allem die private Kirsten Fehrs, „als ihr Mentor, ihr Kollege, ihr Freund“. Er spricht von ihrer „unkomplizierten Art, auf Menschen zuzugehen“. Ihre Botschaft verkünde sie humorvoll und zupackend. Ein Schmunzeln geht durch die Reihen, als Ulrich davon erzählt, dass Fehrs sogar beim Einkaufsbummel eine große Nummer sei, zum Beispiel, wenn sie einen Kollegen – Ulrich meint wohl sich selbst – davon abhält, seinen neuen Mantel in der Damenabteilung zu suchen.
Dann der große Moment. Nordelbiens Synodenpräsident Hans-Peter Strenge verliest die Entscheidung des Kirchenparlaments, das sich im Duell zweier Kandidatinnen fürs Fehrs entschieden hat. Ulrich legt seine Hand auf den Kopf der 50-Jährigen, segnet sie, hängt ihr die Bischofskette um den Hals. Es ist still im Dom, nur das Klicken der Kameras zeigt an, dass die Uhr in diesem Moment weitertickt.
Fehrs’ erste Ansprache im Lübecker Dom gerät zu einer aufrüttelnden Predigt, einem eindringlichen Appell an die Gesellschaft. „Die Welt ist total aus dem Lot – und wir sind es mit“, sagt Fehrs: „Seelisch – wenn wir in dieser Schnelllebigkeit nicht endlich die Pause zu ihrem Recht kommen lassen. Ökologisch – wenn wir nicht endlich auf internationalen Klimakonferenzen wirksame Beschlüsse fassen. Religiös – wenn wir nicht endlich couragiert fundamentalistischen Hetzreden Einhalt gebieten.“ Die Bischöfin erinnert an mehr als 100 Menschen, die seit 1990 in Deutschland von Neonazis getötet wurden. „Wie viele Morde werden noch aufgedeckt werden – jetzt nach den Zwickauer Ereignissen?“, fragt die Bischöfin. Es komme jetzt darauf an, der aufflammenden Fremdenfeindlichkeit zu begegnen. Fehrs fordert ein aktives Bündnis gegen Rechts. Es gelte, gemeinsam zu überlegen, wie man jungen Menschen helfen könnte, die aus der Gewaltspirale aussteigen wollten. Bei der nächsten Demo gegen Rechts in Lübeck laufe sie mit, hatte sie vor dem Gottesdienst gesagt.
Ihr besonderes Augenmerk, kündigt Fehrs an, wolle sie auf die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in Ahrensburg (Kreis Stormarn) legen. Ihre Vorgängerin Maria Jepsen war im Zuge der Missbrauchsfälle im Juli 2010 zurückgetreten. Draußen vorm Dom demonstrieren der Verein „Missbrauch in Ahrensburg“ und das „Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt“. Sie bitten Fehrs um einen Termin.
Auf dem Empfang im Anschluss an den zweistündigen Gottesdienst werden die Töne dann wieder leichter. Der Kieler Bildungsminister Ekkehard Klug (FDP) gibt zum Besten, dass Fehrs’ Geburtsort Wesselburen (Dithmarschen) starke Frauen-Persönlichkeiten wohl besonders begünstige, hätten dort doch auch Modeschöpferin Jil Sander und die brandenburgische Wissenschaftsministerin Sabine Kunst ihre Wurzeln. Die Pointe verdirbt Klug sich dann selbst: In Wesselburen seien eben auch Dramatiker Friedrich Hebbel und Ex-FDP-Landeschef Jürgen Koppelin geboren.
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