Der Saal für das „Große Spiel“ hat seit einer halben Stunde geöffnet, als der erste Gast sich an der Kasse mit Jetons eindeckt. Der Mann fortgeschrittenen Alters – graues Jackett, schwarzer Rollkragenpulli – ist für die Casino-Angestellten in Travemünde kein Unbekannter. Ein Stammgast. Er bleibt am Roulettetisch vorerst allein. Es scheint ihn nicht zu stören. „14-2-2“, annonciert er monoton und schiebt dem Croupier fünf Stücke zu zwei Euro hinüber. Für den Angestellten ist dieser „Code“ nichts Unbekanntes. Er bedeutet, dass je ein Jeton auf die 14 und ihre beiden Nachbarzahlen rechts und links im Kessel gesetzt werden sollen. Also die 9, 1, 14, 20 und 31. Die weiße Kugel nimmt ihren Lauf. „20 schwarz“, sagt der Croupier. Der Spieler hat vier Stücke verloren, aber auf die Zahl 20 bekommt er das 35-fache. Ein kaum wahrnehmbares Lächeln huscht über das Gesicht des Stammspielers.
Travemünde gehört zu den ältesten Spielbanken Deutschlands. Bereits 1825 rollte hier die Kugel. Der russische Dichter Fjodor Dostojewski zählt zu den prominenten frühen Gästen. Die Jugendstilvilla, in der bis heute gespielt wird, wurde 1914 errichtet, vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Spielbetrieb aufgenommen. Travemünde hatte sich bei der Konzessionierung gegen Bad Segeberg durchgesetzt. Wieder strömte Prominenz an die Travemünder Spieltische. Der griechische Reeder Aristoteles Onassis soll an der Ostsee versucht haben, seinen Reichtum zu mehren. Auch die Schauspieler Sophia Loren und Kirk Douglas ließen sich von der Atmosphäre an der Kaiserallee verzaubern. In jeder Nacht wurden zehntausende Mark umgesetzt.
Heute ist nichts mehr, wie es einmal war. Die Legende vom Casino Travemünde bröckelt. Die Besucherzahlen sind seit Jahren rückläufig. Die Landesregierung will dieser Krise mit der Privatisierung der fünf staatlichen Spielbanken in Schleswig-Holstein begegnen.
In Wirklichkeit ist das nichts Neues. Bis 1997 waren die beiden bis dahin einzigen Spielbanken im Land, Travemünde und Westerland, von privaten Gesellschaftern betrieben worden. Damals entschied die SPD-geführte Landesregierung, die 15-jährigen Konzessionen nicht zu verlängern. Die Sozialdemokraten versprachen sich eine „größere Zuverlässigkeit“ durch ein staatlich kontrolliertes Glücksspiel. Die Leitung der neuen Spielbanken GmbH übernahm Matthias Hein, ein Ex-Bankdirektor.
Er erinnert sich: „Bis zu unserer Übernahme war die Spielbank Travemünde für die damaligen Gesellschafter hoch defizitär.“ In den ersten Jahren unter staatlicher Regie habe sich die Spielbank wieder zu einem hochprofitablen Unternehmen entwickelt. Doch nach dem Hoch folgte im neuen Jahrtausend der Einbruch.
Für die Travemünder Casino-Leiterin Jessica Barke (41) ist die neu erwachsene Konkurrenz Schuld. „Unsere Gäste wandern in Spielhallen ab, die sich explosionsartig vermehrt haben.“ Außerdem suchten immer mehr Menschen das Glückspiel im Internet. Das traditionelle Casino versucht dagegenzuhalten. Der Eintritt kostet nur noch zwei Euro. Das kleine Bier an der Bar gibt’s für 2,60 Euro. Die Kleiderordnung wurde gelockert. Mann muss keine Krawatte mehr tragen. Sogar Jeans gehen. „Heute ist Casino etwas für jedermann“, sagt Barke. Und dann trauert sie noch dem fehlenden Umfeld nach. „Wir sind die einzigen, die nachts noch Unterhaltung in Travemünde anbieten.“ Das sei mal ganz anders gewesen.
Der Stammspieler musste inzwischen zweimal in Folge die 15 verkraften. Und dann auch noch „Zero“. Das gewonnene Häufchen an Jetons schmilzt. Barke aber verrät: „Der Herr geht meistens mit einem kleinen Gewinn nach Hause.“ Er wisse, wann man aufhören muss.
Das wissen die „Highroller“ nicht. So heißen die Profis, die aus dem gesamten Bundesgebiet anreisen, und es an einem Abend richtig krachen lassen. „Da wird noch richtig gezockt“, freut sich Barke. Aber diese Spezies erscheint selten. „Das Gros unserer Stammgäste spielt überschaubar und bedacht.“
Vier Damen schlendern über den dicken roten Teppich, jede ums Handgelenk ein Täschchen. Irgendwo muss der Gewinn ja hin. Eine aus dem Quartett erkundigt sich zu allererst, wo sie rauchen darf. Roulette kostet schließlich Nerven.
Der Saal hat sich gefüllt, als der Herr mit dem Golf-Cap und der Begleiterin mit dem nach innen getragenen Pelz eintreffen. Die Limousinen auf dem Parkplatz vor dem Casino werden dicker. Je später der Abend, desto nobler die Gäste.
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