Hamburg – Die Hallen-Krawalle von Alsterdorf wirken weiter nach – und das Thema wird alle Beteiligten auch noch einige Zeit begleiten. Nach den Ausschreitungen mit 90 Verletzten und 74 Ingewahrsamnahmen, gegenseitigen Schuldzuweisungen und vergifteter Atmosphäre lud Hamburgs Innensenator Michael Neumann gestern in sein Rathaus. Ein „Friedensgipfel“ im Phönixsaal sei es gewesen, hieß es hinterher.
„Wir machen einen engen Schulterschluss gegen Gewalt im Sport“, fasste der Senator nach den zweistündigen Gesprächen zusammen. Und gab die Akten weiter: „Es ist jetzt Aufgabe der Staatsanwaltschaft, alle Vorwürfe zu klären“. Hamburgs Vize-Polizeichef Reinhard Fallak formulierte fromm: Ziel sei es, „bei den nächsten Spielen ganz friedliche Fans zu haben“.
Die Delegation des VfB Lübeck wurde in Hamburg vom Vorstandssprecher Holger Leu angeführt. Der hatte am Vorabend zusammen mit seinem Co-Vorstand Uwe Walter und Geschäftsstellenleiter Florian Möller bereits ein langes und intensives Gespräch mit dem VfB-Fanbeirat. Von Seiten der organisierten Anhänger erwarte man jetzt eine „klare Positionierung auch nach außen gegen Gewalt, gegen rassistische Schmähungen - eine Ausgrenzung aller, die diese Regeln brechen“.
Kurz vor dem „Friedensgipfel“ war der VfB nochmal schlecht weg gekommen. Nachdem die Hamburger Polizei bis dahin nur von St. Pauli-Krawallmachern beim Hallen-Desaster gesprochen hatte, hieß es gestern: „Auch Lübecker haben im Eingangsbereich Ordner angegriffen.“ Und: Zwei Anzeigen gegen Lübeck waren bei der Staatsanwaltschaft nachträglich registriert worden. Christiane Schneider von der Fraktion der Linken in Hamburg erstattete Anzeige gegen einen Lübecker, der auf einem Foto deutlich erkennbar den Hitler-Gruß entbot. Der VfB will bei der Identifizierung des Täters helfen. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma wehrt sich ebenfalls gegen Lübecker Verbal-Hooligans, die in der Halle „Zick-Zack-Zigeunerpack“ gröhlten: Anzeige wegen Volksverhetzung!
Während beim VfB noch ermittelt wird, konnten 72 St. Pauli-Randalierer noch an Ort und Stelle erkennungsdienstlich behandelt werden. Sie müssen mit Anzeigen rechnen, in den meisten Fällen wegen Landfriedensbruch und Widerstand oder Gewalt gegen Polizeibeamte. In der Kritik steht auch weiter Pauli-Sicherheitschef Sven Brux. Der hatte erklärt, wer Nazi-Sprüche mache, müsse „das Gefühl haben, dass ihm das gesundheitlich nicht ganz gut tut“. Zwar ruderte er später zurück, will Gewalt „als Ausdruck von Zivilcourage“ aber weiter gelten lassen. Die CDU-Fraktion in Hamburg fordert nun seinen Rausschmiss.
In Hamburg soll als Konsequenz der Krawalle ein „Ausschuss Sport und Sicherheit“ eingerichtet werden, der VfB Lübeck seinerseits installiert ein eigenes „Sicherheitsteam“. Und um den Schaden beim Veranstalter des Schweinske-Cup in Grenzen zu halten, verzichten VfB und St. Pauli auf ihre Antrittsgagen. Leu: „Das tut uns zwar finanziell sehr weh, aber anders können wir einfach nicht handeln.“ Denn auch das wurde gestern klar gesagt: Ein Hallenfußball-Turnier der Klasse „Schweinske-Cup“ wird es in der Alsterdorfer Halle nie mehr geben. jr/pwd/lno
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