Als ihr Zehn-Euro-Schein plötzlich in Flammen stand, ergriff Renate Gröpel kurz Panik. Die frühere Lübecker Senatorin schüttelte den Zehner heftig, um die Flammen zu ersticken. „Das brauchen Sie nicht“, beruhigte Wolfgang Czieslik vom Gymnasium am Mühlenberg. Beim zweiten Versuch blieb Gröpel tapfer, der Zehner brannte, aber das Papier blieb heil.
Die chemischen Experimente des Schwartauer Gymnasiums gehörten zu den spektakulären Vorführungen beim gestrigen Wissenschaftsfest am Hansering. St. Lorenz Süd machte den Auftakt für die Rundreise der „Stadt der Wissenschaft“ durch zehn Stadtteile. „St. Lorenz Süd hat den Maßstab hoch angelegt“, lobte Stadtpräsidentin Gabriele Schopenhauer (SPD), „mit diesem beeindruckenden Auftakt in zauberhafter Winteratmosphäre ist der Stadtteil ein Vorbild für die anderen Stadtteile.“
Weiße Pagodenzelte vor dem Nachbarschaftsbüro luden schon Weitem zum Einweihungsfest. Überschriften wie „Wissenshungrig“ auf den Zeltplanen forderten dazu auf, sich mit Phänomenen spielerisch auseinanderzusetzen – oder mit Bockwurst und Glühwein Hunger und Kälte zu vertreiben.
Die Deutsche Bank erläuterte naturwissenschaftliche Gesetze anhand einer Fußball-Torwand, der Offene Kanal führte Audio- und Videoexperimente vor, der Weiße Ring blätterte die Geschichte des Fingerabdruckverfahrens auf, die Stadtwerke präsentierten Experimente mit der Wärmebildkamera. Drangvolle Enge herrschte fast durchweg bei den Pennälern der OzD, die den Bürgern Phänomene des Sehens erläuterten. „Wir begleiten alle Stadtteile mit einem eigenen Projekt“, sagte Dirk Schulz, Lehrer für Deutsch und Biologie. Es sei kein Problem, die Gymnasiasten dafür zu begeistern. Schulz: „Die Schüler gehen toll auf die Leute zu.“
Der Jugendtreff Dornestraße hatte eine alte Malschleuder dabei, in der Kinder eigene Bilder kreieren konnten. Als Einrichtungsleiter Marc-Udo Wrage selber Jugendlicher war, gab es diese Schleuder schon. Ursprünglich wollte der Jugendtreff zum Thema bildgebende Verfahren mit iPads arbeiten. Wrage: „Das lassen die Temperaturen nicht zu.“ Auch das ist Wissenschaft: Manchmal ist die alte Technik einfach überlegen.
Kernstück des Festes war natürlich die aus 252 Würfeln bestehende Pixelwand, die das Prinzip von bildgebenden Verfahren erklärt. Über 40 Wissenschaftler an der Uni Lübeck würden sich mittlerweile mit solchen Verfahren befassen, sagte Nils Papenberg vom Institut Fraunhofer Mevis. „Bildgebung hilft, einen Tumor zu beseitigen, ohne Organe zu beschädigen“, erklärte Prof. Jürgen Westermann von der Lübecker Uni. Westermann nutzte den Auftakt zu einem flammenden Appell an die Politiker, bei Kitas, Schulen und Hochschulen nicht zu sparen. „Dieser Albtraum darf nicht Wirklichkeit werden“, rief Westermann unter dem Applaus zahlreicher Vertreter aus Politik, Kirchen und Stiftungen.
Und warum brannte Renate Gröpels Zehn-Euro-Schein nicht? Das Geheimnis liege in dem Wasser-Spiritus-Gemisch, in das der Schein vorher getränkt werde, sagte Lehrer Wolfgang Czieslik: „Beim Abbrennen wird die Entzündungstemperatur des Papiers nicht erreicht.“
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