Theater ohne Tarif: Direktor Christian Schwandt ist aus dem Tarifvertrag ausgestiegen, weil er die Löhne der Künstler und Techniker nicht mehr bezahlen kann. Das geht aus einem achtseitigen Schreiben hervor, das den LN vorliegt. Wegen des bevorstehenden Tarifabschlusses fehlen dem Theater in diesem Jahr 150 000 Euro. 2012/13 wären es schon 744 000 Euro, 2013/14 gar 1,1 Millionen Euro. Die Stadt ist nicht bereit, das zusätzliche Geld aufzubringen. Deshalb hat Schwandt zum 1. Januar 2012 die ordentliche Mitgliedschaft im Kommunalen Arbeitgeberverband Schleswig-Holstein gekündigt – und ist damit raus aus der Tarifbindung. „Das ist ein dramatischer Schritt“, gibt Kultursenatorin Annette Borns (SPD) zu. Aber Schwandt habe seit einem Jahr auf die finanzielle Not des Theaters hingewiesen. „Unsere Situation ist schwierig, aber noch lösbar“, sagt Schwandt. Er will jetzt einen Haustarif durchsetzen, sonst müssten 20 bis 23 Stellen abgebaut werden.
Das aber bringt die Gewerkschaften auf die Barrikaden. „Was hier stattfindet, ist Tarifflucht“, kritisiert Gerrit-Michael Wedel. Der stellvertretende Geschäftsführer der Vereinigung der Deutschen Opernchöre (VdO) vertritt die darstellenden Künstler. Bereits jetzt würde „zu Dumpinglöhnen Hochkultur geboten“. Er hält einen Haustarif nicht für die richtige Lösung. „Es wird der kleine Finger gereicht – und schwups ist die ganze Hand weg.“ Wedel kündigt an: „Sicher kann man sich auch Streiks vorstellen.“ Betriebsratschef Reiner Trenkmann steht an seiner Seite. „Wir werden alles gegen einen Haustarif tun, was wir tun können.“ Ein Haustarif löse das grundsätzliche Problem der Theaterfinanzierung nicht. „Man soll uns sagen, wo wir noch sparen sollen.“
Denn das Stadttheater fährt seit 2007 einen harten Sparkurs – und legt ausgeglichene Ergebnisse vor. Es erwirtschaftete sogar einen kleinen Gewinn von 340 000 Euro. Und es war noch nie so erfolgreich. 180 000 Besucher pilgern jede Saison in den Musentempel an der Beckergrube, die Auslastung liegt bei 90 Prozent. Das Theater erhält pro Saison 16 Millionen Euro Zuschuss – 9,78 Millionen vom Land, 6,6 Millionen von der Stadt. Das meiste Geld geht für Löhne drauf: Die 286 Stellen (das sind 333 Mitarbeiter) kosten in der laufenden Spielzeit 14 Millionen Euro. Aktuell wird der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (Bund und Kommune) neu verhandelt. Schwandt geht von einer Lohnsteigerung von 3,3 Prozent zum 1. März und 2,5 Prozent zum Januar 2013 aus. In der Spielzeit 2014/15 werden die Personalkosten auf 15,2 Millionen Euro gestiegen sein.
Deshalb hat Schwandt einen Fünf-Punkte-Plan vorgelegt. Er will einen Haustarif bis 2016. Er schlägt einprozentige Lohnerhöhungen für die Jahre 2012 bis 2016 vor, dafür weniger Arbeit und Kündigungsschutz bis Ende 2016. Das Programm wird gekürzt: Der „Rosenkavalier“ wird nicht wieder gespielt, und das Kieler Ballett übernimmt in der kommenden Saison 13 Vorstellungen mit dem „Nussknacker“. Aber auch die Theaterbesucher werden zur Kasse gebeten: Die Tickets werden im Durchschnitt zehn Prozent teurer (mit Ausnahme der Karten für Kinder und Jugendliche). Und die Stadt soll in diesem Jahr 150 000 Euro mehr bezahlen. Wenn es zu einem Haustarif kommt, sollen jedes Jahr 100 000 Euro extra fließen – bis 2016. Außerdem drängt Schwandt darauf, dass auch das Land mehr Geld gibt. Ob das geschieht, ist ungewiss. Für Aufsichtsratschef Frank-Thomas Gaulin (SPD) ist klar: „Wir brauchen mehr Geld fürs Theater.“
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