Mit Unverständnis blicken Pädagogen, Benimmtrainer und Sprachforscher auf eine Rektorin aus dem bayerischen Passau, die die Grußformeln „Hallo“ und „Tschüs“ an ihrer Schule verboten hat. „Wir bemühen uns, ohne diese beiden Grußformeln in unserem Haus auszukommen“, heißt es in einem Aushang der Schule. „Über ein ,Grüß Gott’ und ein freundliches ,Auf Wiedersehen’ freuen wir uns jedoch jederzeit.“
Gibt es solche Spielregeln auch im Norden? Stephan Cosmus, der die Lübecker Friedrich-List-Schule leitet, sagt: „Bei uns gehen alle üblichen Grußformen“ – dazu gehören natürlich ,Hallo’ und ,Tschüs’. Auch sein Kollege Peter Flittiger von der Thomas-Mann-Schule in Lübeck trifft nur wenig Sprachregelungen: „Unsere Schüler sagen ,Guten Morgen’.“ An seiner Schule werde aber auch ein nettes ,Moin’ akzeptiert. „Entscheidend ist ein höfliches Umgehen miteinander.“
Das Bildungsministerium lässt den Schulen freie Hand, sagte eine Sprecherin: „Wir wollen den Schulen soviel Eigenverantwortung wie möglich geben.“ Immerhin: Die Schulen könnten im Einzelfall Maßnahmen wie in Passau ergreifen, falls diese nötig sein sollten.
„Ich glaube, dass die Lehrer andere Sorgen haben“, sagt Bernd Schauer, Geschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für Schleswig-Holstein. „Ernsthafte pädagogische Fragen macht man mit solchen Verboten lächerlich.“ Er findet zwar, dass Dialekte und Minderheitensprachen durchaus gefördert werden sollten. „Wir machen das mit Lesewettbewerben und Theateraufführungen.“ Von „gekünstelten Anordnungen“ wie in Passau halte er aber nichts.
Noch drastischere Worte wählt ausgerechnet ein Benimmexperte: „Abwegig“ sei das Vorgehen der bayerischen Rektorin, sagt Hans- Michael Klein. Er ist Leiter der Knigge-Akademie in Essen und hält das Vorgehen für „eine Bankrotterklärung des Pädagogen, der es auf andere Art nicht schafft, Sensibilität zu schaffen“. ,Hallo’ und ,Tschüs’ seien gar nicht „kniggologisch geächtet“, betont er, sondern im Gegenteil eine adäquate Form des Umgangs miteinander – zumindest im persönlichen Kontakt.
In Lübeck haben die Leute jedenfalls kein Problem mit ,Hallo’ und ,Tschüs’. Selbst im Geschäftsgebrauch könne ein freundliches ,Hallo’ angebracht sein, sagt Olaf Tietgen, von der Volksbank Lübeck: „Bei intensivem Kundenkontakt sagen wir das schon mal.“ Auch die Stadtbäckerei Junge macht ihren Angestellten keine Vorgaben – außer, „dass sie sich von den Kunden verabschieden sollen“. Das könne auch mit einem freundlichen ,Tschüs’ geschehen.
Dass viele Bayern das Wort ,Tschüs’ ablehnen, kann übrigens einen ungewöhnlichen Grund haben: Der süddeutsche Hobby- Sprachforscher Valentin Erl glaubt an ein Ausspracheproblem „Der Bayer spitzt seinen Mund höchstens zum Trinken oder zum Busseln (Küssen), nicht aber, um ein ,ü’ zu sprechen“.
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