Zu Besuch in Ganghofers Welt
spielt in "Schatten der Erinnerung" (Fr., 28.05., 20.15 Uhr, ARD)
teleschau: "Schatten der Vergangenheit" spielt in den Bergen, es geht um Natur und Familie. Die Buchvorlage stammt von Ludwig Ganghofer. Sind Sie Star eines Heimatfilms?Julia Stemberger: Wenn überhaupt, ist das ein spröder Heimatfilm. Es gibt zwar Szenen darin, die berühren, aber die Erzählart ist nicht kitschig - was man vielleicht mit dem klassischen Heimatfilm verbindet. Von einer Naturidylle erzählt der Film ja nun weiß Gott nicht.
teleschau: Haben Sie eine Beziehung zum bayerischen Heimatschriftsteller Ludwig Ganghofer?
Julia Stemberger: Ich muss gestehen, dass ich diesen Schriftsteller zuvor gar nicht kannte. Ich habe nie etwas von ihm gelesen. Insofern bin ich sehr unvoreingenommen an das Drehbuch herangegangen.
teleschau: Dann haben Sie die große Welle deutscher Heimatfilme nach Ganghofer zwischen den Fünfzigern und Siebzigern verpasst. Ganghofer gilt als Urvater archaischer Bergmotive: die verstoßene Tochter, der entwurzelte Sohn...
Julia Stemberger: Vielleicht glauben Sie, dass ich als Österreicherin eine besondere Beziehung zu Land und Bergen haben müsste. Das ist aber nicht der Fall. Ich habe immer in Wien gelebt - einer Großstadt. Vom Landleben und dessen Psychologie habe ich tatsächlich wenig Ahnung.
teleschau: Heimatfilme und vor allem Ganghofer-Geschichten arbeiten mit dem Motiv des Archaischen, das sich auf dem Land besonders gut darstellen lässt. Nach dem Motto: In rauer Natur fallen auch die Gefühle besonders ursprünglich aus. Glauben Sie daran?
Julia Stemberger: Ich finde das nachvollziehbar. Vielleicht fehlt dem archaischen Land die Raffinesse der Psychologie, die manchen Städtern oder so genannten modernen Menschen geholfen hat, ihre Gefühle zu deckeln. Oder man ist so verbohrt, dass man gar nicht mehr rechts und links blicken kann. Mein Filmvater gibt mir die Schuld am Tod der Mutter. Das ist natürlich nicht haltbar. Aber so verbringt dieser alte Mann sein Leben. Es ist seine Art, mit diesem Schmerz umzugehen.
teleschau: Sie selbst spielen eine Frau, die nach dem Tod der Mutter, der Enttäuschung vom Vater und einer unglücklichen Liebesgeschichte in die Stadt gegangen ist. Eine alleinerziehende Mutter, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt.
Julia Stemberger: Wer keinen Halt mehr findet in seinen alten Strukturen, kann nur noch auf sich selbst bauen. Deshalb geht es meiner Lena in Graz gut - solange sie sich nicht mit der Vergangenheit konfrontiert. Als Sie zurückkehrt in ihr Heimatdorf, befindet sie sich plötzlich in einem Urwald ungelöster Konflikte und alter Gefühle.
teleschau: Ganghofer schrieb seine Romane zwischen 1880 und 1920. Glauben Sie, dass seine Motive wie das der verstoßenen Tochter überhaupt noch relevant sind?
Julia Stemberger: Um diese Geschichten überhaupt verstehen zu können, muss man sich daran erinnern, wie Eltern früher mit ihren Kindern umgegangen sind. Oder Männer mit ihren Frauen. Als Frau hatte man keine Rechte. Knechte und Mägde hatten ebenfalls gar nichts zu sagen. In dieser Hinsicht hat sich die Gesellschaft sehr verändert. An den Konflikten rund um die Liebe - dass man Liebe nicht erhält, dass Liebe betrogen wird - daran hat sich bis heute wenig geändert. Die Konflikte werden heute anders ausgetragen, aber die menschlichen Motive haben sich seit Ganghofer kaum verändert.
teleschau: Ein Motiv dieser Zeit ist ja auch das Schweigen. Dass man nicht miteinander redet in der Familie. Hat sich das geändert?
Julia Stemberger: Insgesamt wird heute natürlich sehr viel mehr geredet. Es ist viel normaler geworden, sein Leid mit anderen zu teilen. Psychologie ist zu einem relativ selbstverständlichen Teil unseres Lebens geworden. Die Möglichkeiten, Probleme für sich aufzulösen, sind weitaus größer geworden. Dennoch gibt es natürlich immer noch viel Schweigen. Gerade in der Familie, wo das Archaische wahrscheinlich einfach länger überdauert.
teleschau: Geht es uns heute besser?
Julia Stemberger: Es gibt zumindest sehr viel mehr Möglichkeiten zu reden, sich auszutauschen, Hilfe zu holen. Das ist alles viel etablierter. Nicht umsonst waren die Ideen von Sigmund Freud in jener Zeit, da auch Ganghofer schrieb, so revolutionär.
teleschau: Der Film ist nach dem Ganghofer-Roman "Der laufende Berg" entstanden. Sie haben das Buch aber nicht gelesen, sagen Sie?
Julia Stemberger: "Der laufende Berg" sollte auch der Film zunächst heißen - was ich persönlich auch als den schöneren Titel empfand. Aber ich halte das immer so, wenn ich an etwas arbeite, dass ich mir keine anderen Interpretationen anschaue. Ich würde mir, wenn ich in einem Theaterstück spiele, beispielsweise nie eine andere Version des Stückes als Aufzeichnung ansehen. Auch in diesem Fall habe ich mich rein an das Drehbuch gehalten - um eine eigene Interpretation zu schaffen. Insgesamt lese ich aber viel Sekundärliteratur. Und ich bin auch der Typ, der vorher in einem Café arbeitet, wenn er eine Bedienung spielen soll.
teleschau: Mussten Sie sich, um diese Rolle zu spielen, auf eine besondere Art vorbereiten?
Julia Stemberger: Ich musste körperlich fit sein, denn es gibt Szenen, die sehr actionreich sind - die mit einer Naturkatastrophe zu tun haben. Das waren sehr schwierige Szenen für mich, weil ich nicht schwindelfrei bin. Szenen, die am Berg gedreht wurden, bei denen man weit oben war, so etwas ist sehr schwierig für mich. Ich bin in diesen Dingen alles andere als mutig.
teleschau: Wie haben Sie Ihre Höhenangst überwunden?
Julia Stemberger: Gar nicht. So etwas kann man nicht überwinden. Man kann nur versuchen, dagegen anzugehen. Ich habe immer wieder tief eingeatmet. Es gab eine Szene, da sind wir mit einem Kran nach oben gehievt worden - da habe ich meinen Kollegen Thure Riefenstein fest an die Hand genommen und ihm gesagt, dass er Bescheid geben soll, wenn ich ihm weh tue (lacht).
teleschau: Kann man unter einer solchen Angst überhaupt noch seine Arbeit als Schauspielerin machen?
Julia Stemberger: Man muss. Ich versuche einfach, diese Gefühle in mein Spiel zu integrieren, daraus eine Kraft zu erzeugen. Was bleibt mir anderes übrig? Aber ich werde bestimmt nicht allzu oft in richtigen Action-Filmen zu sehen sein.
teleschau: Sie waren vor zwei Jahren sehr erfolgreich mit der ARD-Lehrerinnen-Serie "Die Stein"...
Julia Stemberger: Das ist auch der Grund, warum das fortgesetzt wird. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass wir im Juli die zweite Staffel drehen werden. Es werden wieder 13 Folgen. Damit bin ich für den Rest des Jahres ausgelastet, da wir bis in den November hinein drehen.
teleschau: Können Sie Ihre Familie denn so lange alleine lassen?
Julia Stemberger: Es ist auf jeden Fall eine lange Zeit. Meine zehnjährige Tochter wird währenddessen in die Mittelschule kommen - das österreichische Gymnasium. Um die Einschulung herum habe ich mir eine Pause vom Dreh zusichern lassen. Es ist wichtig, dass ich dann da bin. Ansonsten übergebe ich sie ihrem Vater und bin gespannt, was die beiden aus dieser ersten langen Vater-Tochter-Zeit machen. Aber ich denke, sie kriegen das hin (lacht).
Julia Stemberger
Schauspielerin
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Link: ARD-Homepage zur Serie "Die Stein"
Link: Agenturseite Julia Stemberger
Meldung 'der TV-Tag: Schatten der Erinnerung'
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