Wenn überhaupt, müsse der Giftmüll in einem völlig anderen Verfahren transportiert werden. Denn schon sehr geringe Mengen Asbestfasern würden Anwohner sowie Mitarbeiter der Transportunternehmen und der Deponien unzumutbar stark gefährden.
LN: In Wunstorf-Luthe wird der Asbestmüll mit einem Kran auf Muldenkipper beladen. Auf den Asbestschlamm kommen dann noch Schaum und eine Plane. Was sagen Sie als Toxikologe zu dieser Art des Transports?
Kruse: Das Problem ist, dass Asbestfasern eine extrem hohe Giftigkeit haben. Sie können schon in sehr niedrigen Konzentrationen einen Tumor auslösen. Das ist das besondere Problem bei Asbestfasern. Das heißt, von den geringsten Mengen dieser Fasern geht ein Risiko aus. Und das kann man nur minimieren, indem man den Asbest unter Vakuum in Big Packs verpackt und so transportiert.
LN: Nun soll genau das in diesem Fall nicht gemacht werden. Was sagen Sie als Experte zu der Regelung?
Kruse: Ich halte das für unerträglich, dass man hier etwas riskiert, was man nicht riskieren muss. Entweder belässt man den Asbestmüll vor Ort, deckt ihn sorgfältig ab, sodass keine Fasern freigesetzt werden können. Oder: wenn er denn transportiert werden soll, dann muss das unter den bestmöglichen Bedingungen passieren. Das heißt: unter Vakuum und eingetütet in Big Packs.Die Gesundheit der Mitarbeiter und der Bevölkerung steht im Vordergrund. Und da geht es nicht um die Kosten. Ich finde, wenn es um den Transport so hochgiftiger Stoffe geht wie Asbestfasern, dann dürfen auch keine Kosten gescheut werden, um wirklich zu gewährleisten, dass möglichst wenige der hochgiftigen Asbestfasern in die Umwelt freigesetzt werden.
LN: Kritik gibt es auch, weil der Asbestmüll auf der Deponie von den Kippern abgekippt werden soll.
Kruse: Da habe ich ganz große Bedenken. Beim Abkippen werden auf jeden Fall Fasern freigesetzt. Und das geht zu Lasten, einmal der Arbeiter, die sind natürlich besonders betroffen, aber auch der in der Umgebung lebenden Bevölkerung. Und das halte ich für nicht hinnehmbar.
LN: Sie selbst kennen die Halde in Wunstorf-Luthe ziemlich gut?
Kruse: Ja. Ich bin schon vor einigen Jahren nach sorgfältiger Durchsicht der Unterlagen zu dem Ergebnis gekommen, dass die Asbestschlämme oder Asbestabfälle am besten vor Ort verbleiben und sorgfältig nach oben abgedichtet werden, sodass eben keine oder möglichst wenige Fasern in die Umgebung entlassen werden. Wenn jetzt eine Öffnung erfolgt, ist es unausbleiblich, dass Asbestfasern frei gesetzt werden. Noch mehr Asbestfasern dürften beim Transport freigesetzt werden, das heißt also: auch die Bevölkerung in der Umgebung der Altablagerung ist von den Asbestfasern betroffen und nicht nur die Bevölkerung dort vor Ort, wo es hin verbracht werden soll.
LN: Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hatte den Transport vor zwei Jahren innerhalb von Niedersachsen untersagt, weil er angeblich zu gefährlich ist. Jetzt werden die 155 000 Tonnen Asbestschlamm trotzdem transportiert – rund 250 Kilometer bis nach Selmsdorf beziehungsweise nach Rondeshagen in Schleswig-Holstein.
Kruse: Ich halte es für unerträglich, dass man überhaupt erwägt, auf diese weite Entfernung so hoch gefährlichen Müll in derart großen Konzentrationen zu transportieren. Und dann kommt ja bei der Deponie Selmsdorf noch eins hinzu: sie haben da ja eine Deponie, die hochgradig befrachtet ist, mit wahnsinnig giftigen Verbindungen. Das fängt an mit radioaktiven Abfällen und reicht bis hin zu Chlororganischen Verbindungen aus der Industrie. Das heißt also, wir können uns eigentlich gar keine giftigen Stoffe mehr auf der Deponie erlauben, bei denen wir befürchten müssen, dass sie freigesetzt werden und dann in die Umgebung gelangen.
Interview: Steffen Oldörp
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