Ostholstein – Es ist stockdunkel. Motorengeräusche dringen ins Innere des Lkw. Fayaz Soltani (16) sitzt im Anhänger zwischen Kisten und Kartons. Seine Beine hat er angewinkelt. Neben ihm steht eine kleine Plastikflasche mit Wasser. Das muss für zehn Stunden reichen. Häufiger lässt ihn der Fahrer nicht raus aus seinem Versteck – es ist nur einen Quadratmeter groß. Im Iran ist der junge Afghane Fayaz Soltani in den Lkw gestiegen, sechs Wochen wird er insgesamt unterwegs sein, bis er Paris erreicht. Dort steigt er zusammen mit den Brüdern Samim (16) und Fahim Khaksear (18), die aus Afghanistan hierher geflüchtet sind, in einen Bus. Er soll sie nach Skandinavien bringen. Das Ticket für den Bus hat ein Mann gekauft, der zu einer internationalen Schleuserbande gehört. Fayaz hat den Menschenschmugglern 5600 Euro bezahlt. Für eine 9000 Kilometer lange Irrfahrt. Es ist eine Reise, die ihm das Leben retten soll.
In Puttgarden endet die Odyssee. Beamte der Bundespolizei stoppen den Euroline-Bus im Hafen von Puttgarden. Sie wollen die Papiere von Fayaz und den anderen Jungen sehen. Doch sie haben keine. „Die Schlepper hatten unsere Ausweise“, sagt Fayaz. Von jetzt an sind sie drei von mehr als 30 Jugendlichen, die 2010 durch die Männer der Bundespolizei aufgegriffen wurden. „Die Mehrzahl kommt aus Afghanistan. Sie haben sich ohne Visum und ohne Reisedokument im Bundesgebiet aufgehalten“, sagt Bundespolizeisprecher Matthias Menge.
Juli 2010: Die drei Jungs werden ins Kreiskinderheim Lensahn gebracht. Dort wohnen sie vier Wochen. „Wenn klar ist, dass sie in Deutschland bleiben wollen, übernimmt die Betreuung der Kinderschutzbund“, erklärt Rüdiger Tuschewski, Leiter der stationären Einrichtungen des Kinderschutzbundes Ostholstein. Fayaz, Samim und Fahim wollen bleiben.
Fayaz Flucht vor dem Tod
März 2011, heute: Fayaz spricht mittlerweile Deutsch, spielt Fußball beim TSV Neustadt und besucht die Alte Stadtschule in Lübeck. Er hat ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft in Neustadt. Auf dem Wohnzimmertisch steht eine Schale mit Orangen, an den Wänden hängen Postkarten, sie zeigen bunte Blumen. Was Fayaz erlebt hat, sieht man nicht.
„Als ich drei Jahre alt war, bin ich mit meinem Vater nach Teheran in den Iran geflohen. Er stritt sich mit seinem Bruder, einem Mann mit Verbindungen zu den Taliban, um ein Erbe.“ Auf dem Weg in das Nachbarland stirbt seine Mutter. Woran weiß er nicht mehr. „Ich war ja erst drei“, sagt er leise. Nach elf Jahren entdeckt die Polizei seinen Vater, schiebt ihn nach Afghanistan ab. Nur Tage später ist er tot, umgebracht von seinem eigenen Bruder. Fayaz kommt zunächst bei seiner Stiefmutter unter. Monate vergehen. Eines Tages bekommt Fayaz Besuch von dem Bruder seiner Mutter. Er will, dass der Junge den Iran verlässt. Fayaz versteht kaum, was passiert. „Ich weiß nur, dass ich nicht in Teheran bleiben konnte.“ Die Angst, dass er genau wie sein Vater abgeschoben und dann in Afghanistan umgebracht wird, ist groß. Es bleibt nur Europa. Ein Schlepper ist schnell organisiert. Wo er in Europa leben wird, weiß Fayaz nicht. „Mein Onkel hat mir nur gesagt, dass es dort eine humane Flüchtlingspolitik gebe und man dort gut leben könne.“ Fayaz steigt in den Lkw.
Die Taliban ermordeten den Vater
Die Geschichte seiner Fluchtgefährten Fahim und Samim ist ähnlich schockierend. Sie wachsen in einem kleinen Dorf in der Provinz Helmand in Afghanistan auf. Die Gegend gilt als Hochburg der Taliban. Ihr Vater arbeitet in einem amerikanischen Stützpunkt als Dolmetscher. Der Familie geht es gut. Sie gehören zur Mittelschicht.
„Eines Tages kamen Taliban in das Dorf. Sie haben meinen Vater geköpft. Das sollte eine Warnung an alle sein, nicht mit den Amerikanern zusammenzuarbeiten“, erzählt Fahim. Während er spricht, wendet er seinen Blick ab, hält sich immer wieder die Hand vor die Augen. Er will stark sein, doch die Erinnerungen und der Schmerz sind stärker. Sein kleiner Bruder Samim sitzt fast regungslos daneben. Seine Augen sind starr auf den Wohnzimmerboden gerichtet. Er drückt seine Hände zusammen. Abdul Koochi, ist Dolmetscher und hilft den Jugendlichen. Er sagt „Samim ist traumatisiert. Wir müssen uns sehr um ihn kümmern.“
Nach dem Tod des Vaters ist Fahim plötzlich der Mann in der Familie. Er ist der Versorger, eröffnet einen kleinen Laden. „Irgendwann bekam ich einen Karton mit Büchern. Eines war die Bibel“, erinnert sich Fahim. Er leiht das Buch Gottes einem Freund. Ein Mullah, ein islamischer Geistlicher, erfährt davon, spricht von Todsünde, will, dass Fahim und Samim sterben. Als seine Mutter das erfährt, reagiert sie sofort und befiehlt ihren Söhnen zu gehen. Stunden später sind die Brüder auf der Flucht – sie endet in Puttgarden.
In seinem Land herrscht Krieg
Heute leben die drei Jugendlichen in Neustadt und Malente. Weitere Afghanen sind in Eutin. Ob sie in Deutschland bleiben dürfen, ist ungewiss. Abdul Koochi beziffert die Chancen auf „50 zu 50“. Die Asylanträge seien bereits gestellt. „In Afghanistan ist Krieg. Die können nicht zurück“, sagt Koochi, der selbst Afghane ist und seit 40 Jahren in Deutschland lebt.
Fayaz sagt: „Afghanistan ist kein Ort zum Lachen. Ich habe den Krieg im Fernsehen gesehen.“ Ob sein Onkel, der ihm zur Flucht verhalf, noch lebt, weiß er nicht. Andere Verwandte hat er nicht. „Ich will hier bleiben“, sagt Fayaz mit fester Stimme. Er lächelt. Dann sagt er: „Früher wollte ich Pilot werden und mal eine Jumbo fliegen. Das ist wohl nicht erreichbar. Aber vielleicht schaffe ich es ja, Medizin zu studieren.“ Was Samim und Fahim einmal machen werden, ist ungewiss. Jetzt wollen sie Deutsch lernen, einen Schulabschluss machen und später einmal ihr eigenes Geld verdienen. Ihre Mutter werden sie wohl nie wiedersehen. Denn eines eint die drei Jungen aus Afghanistan: Eine Rückkehr in die Heimat ist für sie ausgeschlossen.
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