Ihr Vater wurde von einem 16-jährigen Räuber im Hausflur niedergeschlagen und starb tags darauf. Einen Tag vor der Beerdigung starb auch ihre Mutter. Was Ursula von Seitzberg (72) aber wirklich zerbrochen hat, ist der Tod ihres Sohnes Stefan Grage (†33). Am 23. Februar 1997 wurde der Polizeiobermeister aus Eutin von einem Neonazi erschossen. Aus Hass auf den Staat.
„Polizeibeamte muss man in Kopf und Rücken schießen, egal, wo man sie trifft.“ So lautet das Credo des Mörders. Kay D., damals 24. Er hatte auf dem Parkplatz Roseburg zwischen Hamburg und Berlin die Pumpgun herausgeholt und durch die Scheibe des Polizeiwagens gefeuert.
„Mein Sohn hat noch drei Schüsse auf ihn abgegeben“, hat Ursula von Seitzberg erfahren. Doch Kay D. trug eine kugelsichere Weste. Stefan Grage nicht. Immerhin verletzte er den Neonazi so schwer, dass Kollegen ihn kurz darauf stellen konnten. „Erschießt mich doch“, soll D. gerufen haben. Er wollte als Märtyrer der Szene aus dem Leben scheiden, glaubt die Mutter des Polizisten. „Lächerlich.“
Wenn sie von ihrem Sohn spricht, kämpft sie manchmal mit den Tränen. Sie ist eine zarte, alte Dame mit traurigen Augen. Aber mit Haltung. Den Kaffeetisch hat sie gedeckt. Auf einer Kommode steht ein Foto ihres Sohnes. Ein junger Mann in Anzug und Krawatte. Lächelnd, glücklich. Neben ihm steht seine Freundin. „Sie hat so fürchterlich geweint bei seiner Beerdigung.“
Ursula von Seitzberg ist nicht viel geblieben außer der Erinnerung. Stefan Grages Dienstmütze, die Landesfahne, die auf dem Sarg lag. Und dieses eine Foto. Dreimal die Woche besucht sie sein Grab. Auch an diesem Tag. Ein schlichter, brauner Stein, auf dem zuoberst ein Wort steht: „Warum?“. Darunter: „Stefan Grage. Wir werden dich nie vergessen.“ Weiße Chrysanthemen hat sie ihm diesmal gebracht und rote Rosen. Es ist kalt, neblig. Reglos verharrt sie. Stumm.
Drohanruf aus der Szene
Sie möchte nicht auffallen, nicht fotografiert werden. Sie hat Angst. Vor den Neonazis, vor Kay D. Bald hat er seine 15 Jahre verbüßt. Was, wenn er freikommt? Nie hat er Reue gezeigt, nie den furchtbaren Satz zurückgenommen: „Polizeibeamte muss man in Kopf und Rücken schießen.“ „Wenn der rauskommt, wird er doch von seinen Kumpanen noch als Held gefeiert.“
Vor drei Jahren erhielt Ursula von Seitzberg einen Drohanruf. „Das war abends, kurz vor Acht. Eine Männerstimme. „Ich wollte nur sagen: Dich kriegen wir auch noch.“ Ursula von Seitzberg rief die Polizei. Die fand heraus, dass der Anruf aus Hannover kam, von zwei Neonazis. „Angeblich waren die ausgestiegen.“ Wer von beiden es war, konnte nicht geklärt werden.
„Ich war wieder mit den Nerven fertig“, sagt sie. „Nächtelang habe ich nicht geschlafen.“ Heute hat sie eine Geheimnummer. Nein, sie fühle sich nicht sicher. „Es geht doch alles wieder von vorne los“, meint sie. Erst vor drei Wochen wurde wieder ein Polizist erschossen. In Augsburg, ein Familienvater. Die Täter flüchteten auf einem Motorrad. Gewöhnliche Schwerkriminelle? „Ich habe geweint, als ich es hörte“, sagt Ursula von Seitzberg.
Schon 1997, als ihr Sohn starb, war von braunem Terror die Rede. Kay D., der in einem Plattenbau in Marzahn wohnte, fühlte sich „vom Staat bedroht“. Ursprünglich plante er wohl einen Anschlag auf PDS-Chef Gregor Gysi. Stattdessen schoss er auf Buchhändler Klaus Baltruschat (heute 77), dessen Laden sich unter dem Marzahner Büro des Politikers befand und verletzte ihn schwer. Als Grage und sein Partner den Täter an der A 24 kontrollierten, war er mit einem gestohlenen Wagen auf der Flucht. Grage, sagen die Kollegen, hatte eine Nase dafür, wenn etwas faul war. Bei Kay D. wurde ihm das zum Verhängnis. Grage starb im Krankenhaus, sein Partner überlebte schwer verletzt.
Schon damals gab es Vorwürfe gegen den Staatsschutz, der die meisten Fälle als „Propagandadelikte“ verharmloste. „Einzelne Leute“, hieß es zuvor in einem Flugblatt der Thüringer Neonaziszene, „sollten geschnappt und ausgerottet werden“. Es folgte eine Todesliste mit sieben Namen – darunter der damalige Oberbürgermeister von Altenburg. In Thüringen, warnte der damalige Innenminister Richard Dewes (SPD), habe sich ein rechtsextremer Kern etabliert, dessen Logistik, bundesweite Vernetzung und intellektuelle Führung früheren Strukturen „deutlich überlegen“ sei. „Große Teile der Szene operieren unter dem Mantel des Thüringer Heimatschutzvereins“, schrieb der Spiegel im Oktober 1997. „Die Rechte löst sich ganz bewusst in eine Art brauner Zellen auf“, wird LKA-Chef Uwe Kranz zitiert. „Sie sind dabei, Befehls- und Kommandostrukturen aufzubauen.“ Er sehe Parallelen zum Linksterrorismus der Siebziger Jahre. „Die lernen von der RAF.“ Dennoch, schrieb der Spiegel gutgläubig, drohe keine braune RAF. „Denn: Kaum eine Szene ist so von V-Leuten des Staats- und Verfassungsschutzes durchsetzt wie die Rechte.“
Versagen der Behörden
„Passiert ist jedenfalls nichts“, sagt Ursula von Seitzberg bitter. Erst der Fall der Neonazis Uwe Mundlos (†38) und Uwe Böhnhardt (†34) entfachte die Debatte erneut. Unbemerkt von den Behörden verübten sie neun Morde an türkischen und griechischen Kleinunternehmern und erschossen 2007 in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter. Die V-Leute, auf die nicht nur der Spiegel zählte, waren selbst Nazis – ihren Informantenlohn verwendeten sie für ihre Organisationen.
„Die Ermittlungsbehörden haben versagt“, urteilt Polizeihauptkommissar Horst Winter (54), ein alter Kollege von Grage. Rechtsextremer Terror – für ihn eine reale Bedrohung. Wie Neonazis jahrelang ungestört morden konnten, kann er ebenso wenig verstehen wie Ursula von Seitzberg. „Offenbar ist das rechte Lager jahrelang dramatisch unterschätzt worden.“
Für die Opfer kaum nachvollziehbar. Ursula von Seitzberg hat den Tod ihres Sohnes ebenso wenig verwunden wie ihre Tochter Petra (47), die als Krankenschwester in der Lübecker Uniklinik arbeitete. Die Mutter war in einem Supermarkt angestellt. Beide verloren aufgrund der psychischen Folgen der Tat ihre Stelle. Nur im Traum, erzählt die Mutter, gebe es Hoffnung. „Dann ist da mein Sohn. Hinter ihm ist es hell, ich kann sein Gesicht nicht sehen. Und er sagt: Weine nicht. Mir geht es gut.“
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