Heiligenhafen – Laut klappernd fahren die Pferdefuhrwerke den Chausseeberg hinunter. Der feuchte Geruch von Seetang, nassen Netzen und Fisch kitzelt in der Nase, und aus den schmalen Gassen der Altstadt erreichen raue Männerstimmen das Ohr. Das ist sein Heiligenhafen, sein Zuhause, der Ort, an dem Gottlieb Friedrich Stüben den größten Teil seines Lebens verbracht hat. Der Ort, an dem er sterben wird und trotzdem 100 Jahre später noch lebendig ist.
„Schuld“ daran ist Klaus Nehring. Immer wieder schlüpft der Heiligenhafener in Ölzeug und Südwester und bietet als „Fischer Stüben“ Stadtbummel zu Tages- und Nachtzeiten an.
„Jetzt schließen wir mal alle die Augen und sind ganz still! Da! Hört ihr auch das Klappern der Pferdehufe auf dem Chausseeberg, das Knarren der Wagen, das Knallen der eisenbeschlagenen Räder auf dem Kopfsteinpflaster?“ Gekonnt lässt er „sein“ altes Heiligenhafen, das kaum etwas gemein hat mit der heutigen Warderstadt, in seinen Anekdoten und Döntjes auferstehen. „Mit ein bisschen Fantasie schaffen wir es bestimmt, uns das damalige Heiligenhafen vorzustellen“, ist sich der Fischer sicher. Einmal quer durch die nächtliche Altstadt führt er seine Gruppe und erzählte Informatives und Unterhaltsames über die „gute, alte Zeit“.
„Alle, die in der Mitte der Straße stehen, bleiben da – der Rest bewegt sich ganz schnell dahin.“ Gottlieb Friedrich Stüben weiß, welchen Ton er mit seiner Gruppe anschlagen muss. „Und nun stehen alle auf über 100 Jahre altem Kopfsteinpflaster“, erklärt er den Positionswechsel und erzählt, warum die Häuser in den alten Straßen in Richtung Binnenwasser immer kleiner werden. „Die größeren Häuser im oberen Bereich gehörten den Familien, die in der Landwirtschaft tätig waren“, so Stüben, „und die Häuser Richtung Binnenwasser sind die alten Fischerhäuschen.“
Immer wieder begleitet ein schelmischen Augenzwinkern die Ausführungen des Fischers. Nur einmal wird das gestandene Mannsbild sentimental: „Hier habe ich gelebt“, erzählt er unter Tränen vor seinem Haus in der Straße Am Strande. Und auch in der Stadtkirche, in die er seine Gruppe wenig später führt, wird dem Fischer ganz anders ums Herz. „Ich hatte leider nie die Ehre, den großen Storm persönlich kennenzulernen“, erzählt er. Kaum ausgesprochen, ertönt eine Stimme vom Schifferstuhl der Kirche und – Theodor Storm persönlich grüßt die Nachtschwärmer.
Nach einem Abstecher an den Hafen, begleitet von den sehnsüchtigen Tönen eines Schifferklaviers, geht es zum Rathaus, wo auf das allabendliche Läuten der Kökschenglocke gewartet wird. „Seht ihr auch den alten Maßmann, wie er in der Tür steht und auf die letzten Mägde wartet?“, will Stüben wissen. „Könnt ihr hören, wie sie die Straße entlang eilen auf ihren Holzpantoffeln? Da, da läuft eine!“ Und tatsächlich: Mit fliegenden Rockzipfeln verschwindet die letzte Magd im heutigen Rathaus. Schnellen Schrittes folgen ihr Stüben und seine Gruppe und alle haben die Gelegenheit, sich im Rathaus, der ehemaligen Massmannschen Stadtvilla, ein wenig umzusehen. Und kurz bevor es zum Abschluss des Abends in den „Alten Salzspeicher“ geht, erscheint den nächtlichen Wanderern dann auch noch der „Geist“ des alten Massmann – natürlich im Nachthemd und mit der Kerze in der Hand.
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