Nicht jedes Aquarium im Sealife in Timmendorfer Strand ist jugendfrei. Seepferdchenfrau und Seepferdchenmann präsentierten sich gestern in aller Öffentlichkeit innig verschlungen. Dennoch macht es nichts, dass sie dabei von Minderjährigen aufmerksam beobachtet wurden. Die Jungen und Mädchen der Klasse 5a des Gymnasiums am Mühlenberg in Bad Schwartau – es ist Partnerschule des Sealife – leisteten nämlich eine wichtige Arbeit.
Über 2500 Tiere, von der winzigen Seenadel bis zum riesigen Rochen, leben im Sealife. Sie tummeln sich in mehr als 500 000 Litern Wasser. Jedes Jahr einmal müssen die Tiere gezählt, vermessen und gewogen werden. Gar nicht so einfach, denn während die Seeanemonen und Seesterne stillhalten, sind die meisten Fische unentwegt unterwegs. Mal schneller, mal langsamer. Da den Überblick zu behalten, ist fast unmöglich. „So manch eine Zählaktion kann da wirklich stressig werden. Aber wir haben so unsere Tricks“, sagt Jens Hirzig, der biologische Leiter des Sealife.
Einer ist die Annäherung durch mehrfaches Zählen. Und da kommen wieder die Schüler ins Spiel. In kleine Gruppen aufgeteilt und mit Listen versehen, streiften sie von Becken zu Becken und zählten die Fische. Aus den ermittelten Zahlen je Becken wird am Ende der Mittelwert ermittelt, der der Wahrheit am nächsten kommen dürfte.
Bevor sie aber losstürmten, waren die Kinder noch bei einem besonderen Ereignis dabei, dem Vermessen und Markieren der Seespinnen. Dafür musste jedes der Tiere, die keine Spinnen, sondern die größte lebende Krebsart der Welt sind, aus ihrem Becken geholt werden. Mehrere Seespinnen haben sich seit ihrem Einzug im Frühjahr 2011 gehäutet, ein Beweis, dass sie gewachsen sind. Bis zu 1,30 Metern Durchmesser maßen die Tiere bei ihrem Einzug. Tim Eschke und Sebastian Mahler aus der Klasse 5a waren ausgelost worden, um Biologin Cathrin Pawlak beim Vermessen und Kennzeichnen der Spinnen zu helfen. Während Pawlak und ihre Kollegin Maja LeFaucheur die schweren Spinnen hielten, legten Tim und Sebastian das Maßband an. Ergebnis: ein Zuwachs von 20 Zentimetern im Durchmesser. Die Spinnen ließen die Prozedur ergeben über sich ergehen. Am Ende bekamen sie ein Bändchen ums Bein gebunden. Das erleichtert es den Biologen, die Tiere auseinanderzuhalten. Die sehen sich nämlich ziemlich ähnlich, bis auf Abweichungen bei der Panzer-Farbe.
Viel einfacher ist es da, die Seepferdchen voneinander zu unterscheiden. Da gibt es gelbe, weiße und sogar schwarze, heimische und exotische. Kein Problem bereiten auch die Rochen, die großen Alaska-Seelachse – aus denen werden übrigens die Fischstäbchen gemacht – und die Schildkröten und großen Barsche im Tiefseetunnel. Schwieriger ist es da schon, die Glaswelse zu zählen, die im Schwarm unterwegs sind. Dazu bedienen sich die Biologen eines Tricks. Sie locken die Welse mit Futter an die Oberfläche. „In besonderen Fällen wird eine Digitalkamera eingesetzt. So können wir den Schwarm fotografieren und hinterher auf dem Foto in Ruhe nachzählen“, erzählt Hirzig. Ein Trick, der zum Beispiel bei den kleinen Neonfischen angewendet wird. Auch sie sind im Schwarm unterwegs, jeder einzelne ist gerade mal zwei Zentimeter lang.
Das schwerste Tier im Sealife ist „Speedy“, die alles andere als schnelle Meeresschildkröte, die 70 Kilogramm wiegt. Immerhin ist sie im Wasser deutlich schneller als ihre Artgenossen an Land. Fix, aber zutraulich und leicht zu zählen, weil sie ein Paar sind, sind die Zwergotter „Bonnie“ und „Clyde“.
Wer noch mitzählen möchte, kann dies gerne tun. Bis zum 29. Januar sind alle Kinder bis 14 Jahre eingeladen, sich an der Inventur zu beteiligen. Am Eingang zum Sealife erhalten sie einen Inventurzettel, in dem alle Becken aufgelistet sind. Wer am dichtesten an das Ergebnis der Aquaristen herankommt, erhält ein Geschenk.
Der Sinn hinter der schwierigen Zählerei ist übrigens ein ganz profaner: Wie bei jeder anderen Inventur auch, werden die Zahlen ans Finanzamt gemeldet.
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