Sierksdorf – Vorsichtig nimmt Marko Behrmann die kleine Kamera auf Rollen aus dem Transporter. Sie sieht aus wie ein ferngesteuertes Spielzeug-Auto – und tatsächlich funktioniert sie auch so ähnlich: Per Knopfdruck kann der Mitarbeiter des Zweckverbandes Ostholstein (ZVO) das Gerät vom Fahrzeug aus steuern. Einen großen Unterschied zur Freizeit-Variante gibt es allerdings: Behrmann kann die Fahrt nur am Bildschirm verfolgen – der Weg der Kamera führt in die Unterwelt, durch die Schmutzwasserkanäle Ostholsteins.
45 Kilometer Rohre im Kreisgebiet überprüft der ZVO jedes Jahr auf Schäden. Eine Schmutzwasserleitung werde rund alle 15 Jahre kontrolliert, erklärt Behrmann. So lange dauert es, bis ein Durchgang komplett abgeschlossen, also das gesamte Netz untersucht worden ist. Zurzeit nehmen sich Behrmann und seine Kollegen die Kanäle im Bereich Timmendorfer Strand vor; als nächstes ist Heringsdorf an der Reihe.
Insgesamt seien rund 30 Prozent des Schmutzwasserkanal-Netzes sanierungsbedürftig, schätzt Projektleiterin Hanna Liedtke. Der häufigste Grund seien Risse in den Rohren. „Das darf nicht sein“, so Liedtke, „sonst kann Abwasser ins Grundwasser gelangen.“ Und umgekehrt – was für den ZVO ebenfalls unerfreulich ist: Dringe beispielsweise Regenwasser in undichte Leitungen ein, werde plötzlich viel mehr Flüssigkeit durch die Pumpstationen und ins Klärwerk geleitet, erklärt Marko Behrmann. Entsprechend höher sei dann der Arbeits- und Energie-Aufwand.
Behrmann hat inzwischen eine Abdeckung in der Straße angehoben und den darunterliegenden Schacht freigelegt. In einigen Metern Tiefe sieht man ein kleines Bächlein unter der Straße entlang rauschen. Sein Weg führt durch Rohre mit einem Durchmesser von rund 20 Zentimetern, die zu beiden Seiten von dem Schacht abgehen. Dort hinein soll sich gleich auch die Kamera begeben.
Doch bevor es losgehen kann, muss die Leitung mit sauberem Wasser gespült werden. Sonst fänden die Räder keinen Halt auf der Sielschicht, die sich in Abwasserkanälen in der Regel aus Rückständen bildet, erklärt Behrmanns Kollege Gernot Hallmann, als er einen langen Schlauch vom Heck des sogenannten Kanalspülwagens mit seinem Wassertank in den Schacht hinablässt. Außerdem werde die Sicht der Kamera durch zuviel Schmutz natürlich beeinträchtigt. An diesem Punkt erschweren die derzeitigen Temperaturen die Arbeit der ZVO-Angestellten: Bei anhaltenden Minusgraden muss das Unterfangen häufig unterbrochen werden, weil das Spülwasser gefriert.
An diesem Tag geht jedoch alles gut und Marko Behrmann kann nun die Kanalkamera in den Schacht hinablassen. 400 Meter Kabel trennen das Gerät vom Überwachungsfahrzeug – diese Strecke könne allerdings nie ganz zurückgelegt werden, so Behrmann. Meistens schafften sie aufgrund des kurvigen Kanalverlaufs nur etwa 200 Meter am Stück, dann müssten sie die Kamera wieder zurückholen und an einem neuen Schacht weitermachen.
Mit einer Geschwindigkeit von maximal 15 Zentimetern pro Sekunde rollt die Kanalkamera durch die Unterwelt. Am Bildschirm kann Behrmann ihren Weg verfolgen und etwaige Schäden erkennen. Für die Bestandsaufnahme trägt er den Zustand des jeweiligen Abschnitts in Tabellen ein. Bei der Auswertung der Daten wird später entschieden, wie schnell gehandelt werden muss: Besonders dringend sei zum Beispiel die Entfernung von Fremdkörpern, die sich auf dem Weg in die Kläranlage in einem Rohr verkeilt haben – vom Meißel bis zur Kinderschaufel hat Behrmann schon alles gesehen. „Da müssen wir sofort handeln“, sagt der Fachmann, „sonst können die Kanäle verstopfen.“ In derlei Fällen werde zunächst probiert, die Gegenstände aus der Leitung hinauszuspülen – scheitert dieser Versuch, „müssen wir die Straße aufbuddeln“. Und was, wenn die Kamera selbst mal irgendwo hängen bleibt? „Auch das ist schon passiert“, gibt Marko Behrmann schmunzelnd zu, „bisher haben wir sie aber immer irgendwie wieder herausbekommen.“
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